Erst zuhören, dann urteilen

Was ich aus einer Woche Demokratie-Wandern in Bad Aussee mitnehme

Sechs Tage, fünf Theorien, viele Höhenmeter. Vom 17. bis zum 22. August war ich mit Kai Kranner und einer Gruppe von Menschen, die sich das freiwillig antun, rund um Bad Aussee unterwegs — jeden Tag ein Seminar, jeden Tag eine Wanderung, auf der weitergeredet wurde, was am Vorabend offengeblieben war und abends ein Salon.

Wir sind chronologisch vorgegangen. Nicht aus Ordnungsliebe, sondern weil man ein Defizit nur benennen kann, wenn man weiß, woran man misst. Wer sagt, unsere Demokratie sei ausgehöhlt, behauptet, sie hätte einmal etwas versprochen, das sie heute nicht hält. Nur: Was genau war das Versprechen? Darauf gibt es keine einfache Antwort, weil die Theoretiker·innen einander widersprechen.

Fünf Stationen, jede in einem Satz.

Platon und die Antike. Die Demokratie kommt gemeinsam mit ihrer Kritik auf die Welt — Platons Einwand lautet, dass Gleichheit und Kompetenz nicht zusammenpassen, und dass eine Freiheit, die keine Grenze mehr kennt, irgendwann nach dem starken Mann ruft.

John Locke. Die Rechte des Einzelnen sind keine Gnade der Obrigkeit, sondern gehen dem Staat voraus — der Staat existiert, um sie zu schützen, und verliert seine Legitimität, wo er sie angreift.

John Stuart Mill. Auch die Meinung, die uns falsch erscheint, muss gehört werden — nicht aus Höflichkeit, sondern weil die eigene Überzeugung ohne Widerspruch zum toten Dogma verkommt.

Hannah Arendt. Der öffentliche Raum ist das, was uns verbindet und zugleich voneinander trennt: Er hält aus, dass viele verschiedene Menschen auf dieselbe gemeinsame Welt schauen — und stirbt dort, wo an die Stelle der Pluralität der Konformismus tritt.

Jürgen Habermas. Demokratie steht und fällt mit der Qualität ihrer Öffentlichkeit — mit der Frage also, ob es noch Orte gibt, an denen Argumente einander tatsächlich begegnen.

Karl Loewenstein. Die Demokratie muss entscheiden, ob sie sich selbst abschaffen lassen darf, und beide Antworten haben einen Preis, den Loewenstein ehrlich genug ist auszusprechen.

Karl Popper. Eine offene Gesellschaft lebt davon, dass jede Entscheidung revidierbar bleibt — und stößt genau daran an ihre Grenze, weil uneingeschränkte Toleranz nach Popper die Toleranz selbst zum Verschwinden bringt.

Chantal Mouffe. Der Streit ist nicht das Versagen der Demokratie, sondern ihr Lebenselement — wer die legitimen Kanäle des Konflikts verstopft, wird den Konflikt nicht los, er sucht sich andere Wege.

Fünf Messinstrumente also, keine Definition. Wer Mill anlegt, kommt zu einer anderen Diagnose als wer Mouffe anlegt. Das ist keine Schwäche der Philosophie, sondern ihr Ertrag.

Und trotzdem: Was mir aus dieser Woche als das Wichtigste geblieben ist, steht in keinem der fünf Skripte.

Es ist die Übung der Urteilsenthaltung. Die Epoché — sich Zeit nehmen und erst einmal zuhören können, bevor man mit einem vorschnellen Urteil kommt. Und, das ist der schwierigere Teil, bevor man mit dem vermeintlich eigenen Wissen kommt. Ich halte das inzwischen für die eigentliche demokratische Grundübung, wichtiger als jede Theorie, die wir besprochen haben. Sie lässt sich auch nicht lesen, nur machen.

In unseren Gruppenformaten zeigt sich das immer wieder. Und dabei zeigt sich noch etwas, das ich hier nicht auslassen will: Die Idee, die Welt erklären zu können — genauer, die feste Überzeugung, sie erklären zu können — ist nach wie vor auf männlicher Seite stärker veranlagt als auf weiblicher. Das gilt selbstverständlich nicht für alle, und ich sage es nicht als Vorwurf, sondern als eine Beobachtung, die sich statistisch erheben lässt und erhoben wurde. Mein Schluss daraus ist ein freundlicher: Männer können hier von Frauen etwas lernen. Die Tugend der Besonnenheit. Die Offenheit für neues Wissen und für Perspektiven, die nicht die eigenen sind.

Denn das Zusammentragen funktioniert. Wir haben in dieser Woche wieder erlebt, was passiert, wenn eine Gruppe wirklich zusammenarbeitet: Es kommen neue Perspektiven ins Spiel, für jede und jeden. Neue Ideen. Vor allem aber entsteht ein neuer Schwung — eine Motivation, sich einzubringen und vielleicht doch noch politisch aktiv zu werden. Das war spürbar, und es hat mich mehr gefreut als jede gelungene Textstelle.

Genau hier liegt der Punkt, an dem die Woche für mich zusammenläuft: bei der Zivilgesellschaft. Partizipation ist noch immer eines der wichtigsten Stichworte für eine gelingende liberale Demokratie. Die Demokratisierung von Prozessen. Transparenz. Aber eben auch etwas, das sich schwerer sagt: dass wir Abstand nehmen müssen von der Vorstellung, der Staat sei in erster Linie dazu da, unsere individuelle Freiheit zu schützen.

Wir leben in einer Republik. In einer res publica, einer gemeinsamen Sache. Das heißt, dass es auf Seiten der Bürger·innen nicht nur Rechte gibt, sondern auch Pflichten — und dass wir zu dieser Überzeugung wieder gelangen müssen, wenn die Sache gemeinsam bleiben soll.

Eine Woche Gehen und Reden hat daran mehr gearbeitet, als ich erwartet hätte. Vielleicht, weil man beim Gehen nebeneinander steht und nicht gegenüber. Vielleicht auch nur, weil man auf einem Anstieg ohnehin nicht dauernd reden kann und deshalb zuhört.

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