Lesekreise.

WiSe 2026

Online Lesekreis:
Die andere Hälfte der Philosophie

Fünf Denkerinnen von der Antike bis heute – in fünf Abenden durch achtzehn Jahrhunderte.

Die Geschichte der Philosophie wird meist als Reihe großer Männer erzählt. Doch daneben – oft verschwiegen, verloren oder erst spät wiederentdeckt – haben Frauen gedacht, gestritten und geschrieben: über den Körper und die Seele, über Bildung und Begehren, über das Recht, überhaupt eine eigene Stimme zu haben. In diesem Lesekreis lesen wir fünf von ihnen, chronologisch, quer durch die Jahrhunderte. Jede antwortet auf ihre Weise auf dieselbe Frage:

„Wer darf wissen, lieben, sprechen – und über sich selbst bestimmen?"

Wir lesen keine trockenen Fachabhandlungen, sondern lebendige Texte: ein Gefängnistagebuch, ein allegorisches Streitgespräch, einen Briefwechsel, ein leidenschaftliches Plädoyer und einen ganz gegenwärtigen Essay. Kein Vorwissen nötig – nur Neugier.

DIE FÜNF STATIONEN

1 — ANTIKE · UM 203 N. CHR. Vibia Perpetua (um 181–203) Die Passio von Perpetua und Felicitas

Das älteste erhaltene Dokument, das eine Frau der Antike in eigener Stimme verfasst hat: das Tagebuch, das die junge Karthagerin Perpetua in den Nächten vor ihrer Hinrichtung schrieb. Zwischen Visionen, Angst und einem verblüffend klaren Ich beschreibt sie, wie sie sich gegen Vater, Autorität und Todesangst behauptet – ein früher Text über Selbstbewusstsein, Willen und die Freiheit, Nein zu sagen.

Leitfrage — Was heißt es, ganz zu sich selbst zu stehen, wenn alle anderen etwas anderes verlangen?

Ausgabe: V. Hunink (Hg.), „Die Passio von Perpetua und Felicitas", zweisprachige Ausgabe (wir lesen die deutsche Fassung)

2 — MITTELALTER · 1405 Christine de Pizan (1364–ca. 1430) Das Buch von der Stadt der Frauen

Europas erste Berufsschriftstellerin baut in einem allegorischen Streitgespräch eine ganze Stadt – Stein um Stein aus Gegenbeispielen zur Frauenverachtung ihrer Zeit. Die drei Gestalten Vernunft, Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit helfen ihr zu zeigen: Wenn Frauen unvernünftig erscheinen, liegt das nicht an ihrer Natur, sondern daran, dass man ihnen Bildung und Selbsterkenntnis vorenthält.

Leitfrage — Woher kommt das Bild, das eine Gesellschaft sich von „den Frauen" macht – und wer darf es korrigieren?

Ausgabe: Christine de Pizan, „Das Buch von der Stadt der Frauen", übers. von Margarete Zimmermann, AvivA Verlag (in Auszügen)

3 — FRÜHE NEUZEIT · 1643–1649 Elisabeth von der Pfalz (1618–1680) Der Briefwechsel mit René Descartes

Die Prinzessin bringt den großen Descartes mit einer einzigen, unnachgiebigen Frage in Verlegenheit: Wenn Seele und Körper zwei völlig verschiedene Substanzen sind – wie kann dann ein unausgedehnter Geist einen ausgedehnten Körper bewegen? Sie gibt sich mit keiner Ausflucht zufrieden und legt damit einen Finger auf das Leib-Seele-Problem, das die Philosophie bis heute beschäftigt.

Leitfrage — Wie hängen Denken und Körper zusammen – und was bedeutet es, wenn Krankheit oder Stimmung unser Urteil verändern?

Ausgabe: „Der Briefwechsel mit Elisabeth von der Pfalz", Felix Meiner Verlag (Philosophische Bibliothek), zweisprachig, dt. Fassung (ausgewählte Briefe)

4 — AUFKLÄRUNG · 1792 Mary Wollstonecraft (1759–1797) Eine Verteidigung der Rechte der Frau

Der Gründungstext des feministischen Denkens – leidenschaftlich, streitbar, gegen Rousseau gerichtet. Wollstonecraft besteht darauf, dass Frauen ebenso Vernunftwesen sind wie Männer und nur deshalb schwächer erscheinen, weil man sie zu „hübschen Spielzeugen" erzieht statt zu selbstständigen Menschen. Ihr Hebel ist die Bildung, ihr Ziel eine Gesellschaft, in der Tugend nur unter Gleichen gedeihen kann.

Leitfrage — Ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern Natur – oder das Ergebnis von Erziehung?

Ausgabe: Mary Wollstonecraft, „Eine Verteidigung der Rechte der Frau" (vollständige dt. Ausgabe; wir lesen ausgewählte Kapitel, u. a. 2 & 9)

5 — GEGENWART · 2012 Carolin Emcke (*1967) Wie wir begehren

Von der Leib-Seele-Frage der Antike und der frühen Neuzeit springen wir mitten in die Gegenwart. Die Publizistin und Georg-Büchner-Preisträgerin Carolin Emcke verbindet in diesem sehr persönlichen Essay Erinnerung und Philosophie: Wie werden wir zu dem, was wir begehren? Und welche Worte fehlen uns, um ein Sehnen zu benennen, für das die Sprache noch keine Form bereithält?

Leitfrage — Wer gibt uns die Worte für das, was wir fühlen – und was geschieht, wenn sie fehlen?

Ausgabe: Carolin Emcke, „Wie wir begehren", Fischer Taschenbuch

DAS WICHTIGSTE AUF EINEN BLICK

Format: Online, gemeinsam per Videotreffen
Umfang: Fünf Abende – ein Text pro Abend Termine: 15.9., 13.10., 10.11., 15.12., 19.1.
Beitrag: 125 €
Vorbereitung: Die angegeben Texte zum Termin gelesen haben

Sei dabei! Fünf Frauen, fünf Jahrhunderte, eine große Frage. Lass uns gemeinsam die andere Hälfte der Philosophiegeschichte lesen – neugierig, in Ruhe und im Gespräch.

Sommer 2026

Online Lesekreis:
Eva von Redecker – Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus

Philosophischer Lesekreis:

Wir spüren es überall: Ein neuer, unerbittlicher Drang nach Härte ergreift unsere Gesellschaft. Die Fronten verhärten sich, der Ton wird rauer, und autoritäre, ja faschistoide Fantasien entfalten plötzlich wieder eine erschreckende Anziehungskraft. Warum ist das so?

In ihrer bahnbrechenden Gegenwartsanalyse geht die Philosophin Eva von Redecker genau dieser Frage auf den Grund. Sie zeigt auf, dass diese grassierende Sehnsucht nach Härte kein historischer Zufall ist, sondern tief mit der Erschöpfung unseres Systems, den ungelösten Krisen des Neoliberalismus und der globalen Klimakatastrophe zusammenhängt.

Um zu verstehen, was gerade mit unserer Demokratie und unserem Miteinander passiert, müssen wir unseren Blick schärfen und völlig neu definieren, was Faschismus im 21. Jahrhundert eigentlich bedeutet.

In unserem neuen Lesekreis wollen wir uns diesem aufrüttelnden und hochaktuellen Buch widmen. Gemeinsam lesen wir es in vier gut bewältigbaren Etappen.

Unsere 4 Leseetappen im Überblick

  • 14.7. Etappe 1: Die Rückkehr der Härte und die Energie der Endzeit (Seite 9 – 71)

    • In unserer ersten Etappe beginnen wir mit dem Kapitel „Ausverkauf der Symbole oder warum wir einen Begriff des Faschismus brauchen“.

    • Wir lesen uns durch das „Land der Ungleichzeitigkeit“.

    • Den Abschluss dieses Blocks bildet das Kapitel „Energie der Endzeit“.

    • Impulsfrage: Warum brauchen wir heute überhaupt wieder einen aktuellen Begriff des Faschismus, und inwiefern spüren wir diese „Endzeit-Energie“ in unserem eigenen Alltag?

  • 21.7. Etappe 2: Neoliberalismus, Kapitalismus und der Bruch des Rechts (Seite 72 – 131)

    • Die zweite Etappe startet provokant mit dem Kapitel „»WER ABER VOM KAPITALISMUS NICHT REDEN WILL ...«“.

    • Anschließend beschäftigen wir uns mit „Die Unzeit nach dem Neoliberalismus“.

    • Zuletzt für diese Sitzung lesen wir „Rechtsbrechender Liberalismus“.

    • Impulsfrage: Wie bereiten die tiefen Risse im kapitalistischen System und das Ende des Neoliberalismus den Nährboden für rechtsextreme und verhärtete Ideologien?

  • 4.8. Etappe 3: Entfremdung, Techfaschismus und die Psychologie der Härte (Seite 132 – 185)

    • Wir starten in den dritten Block mit „Verflixung oder die Tyrannei des Niemands“.

    • Danach wenden wir uns hochaktuellen technologischen Entwicklungen zu im Kapitel „Techfaschismus als Geschäft mit der Gedankenlosigkeit“.

    • Wir schließen mit der psychologischen Dimension in „Projektion und Hohn: die Seele des Faschismus“.

    • Impulsfrage: Welche Rolle spielen Algorithmen, soziale Medien und unsere eigene Gedankenlosigkeit bei der zunehmenden Abstumpfung und Verhärtung der Gesellschaft?

  • 11.8. Etappe 4: Besitzansprüche, Klimakrise und wie wir widerstehen können (Seite 186 – 242)

    • Unsere letzte Etappe beginnt mit der Analyse „Der possessive Charakter und seine Lustideologien“.

    • Wir beleuchten die untrennbare ökologische Dimension im Kapitel „Keine Bleibe, nirgends: faschistisches Klima als Naturgewalt“.

    • Zuletzt suchen wir nach Hoffnung und Handlungsmöglichkeiten im abschließenden Kapitel „Eingedenken und Gegenstrategien“.

    • Impulsfrage: Welche konkreten Gegenstrategien und Formen der Solidarität können wir dieser allgegenwärtigen „Härte“ im Alltag entgegensetzen?

Sei dabei! Du musst das Buch nicht vorab studiert haben – die Freude am gemeinsamen Denken, Hinterfragen und Diskutieren steht im Vordergrund.

Wir verwenden die gebundene Ausgabe von S. Fischer Verlag.

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