Die Schmerzen der Geburt: Warum die Demokratie ihre Krise braucht (Eine hegelianische Diagnose)
Wer heute die Nachrichten einschaltet, blickt in den Abgrund einer neuen Unordnung. Der "neue Imperialismus", die Renaissance der Autokratien, das aggressive Auftreten von Akteuren wie Russland oder radikalisierten politischen Rändern im Westen – all das wirkt wie ein Rückschritt. Ein Rückfall in dunkle Zeiten, die wir glaubten, 1989 überwunden zu haben.
Doch Panik ist kein guter Ratgeber, und Kulturpessimismus ist intellektuell oft faul. Wenn wir die politische Philosophie zu Rate ziehen, speziell Georg Wilhelm Friedrich Hegel und seine Dialektik, ändert sich das Bild radikal. Was wir erleben, ist kein Zerfall, sondern ein notwendiger Moment der Bewusstwerdung.
Hegel meinte: Der Geist (und damit die Freiheit) entwickelt sich in drei Schritten. Wenden wir diesen Dreierschritt auf den Zustand unserer Demokratie an, verstehen wir plötzlich, warum die Autokraten, die Polarisierung und die Krisen da sind – und wie der Weg in die Freiheit (die dritte Stufe) aussieht.
Hegels Werkzeugkasten: Die Knospe, die Blüte und die Frucht
Um zu verstehen, wo wir stehen, müssen wir kurz Hegels Logik der Entwicklung betrachten. Er beschreibt diese Bewegung oft am Bild der Pflanze:
Das An-sich (Die Knospe): Das ist das reine Potenzial. Die Knospe ist schon die Pflanze, aber sie hat sich noch nicht gezeigt. Sie ruht in sich, unschuldig und geschlossen.
Das Für-sich (Die Blüte): Die Negation. Die Blüte muss die Knospe sprengen, um zu existieren. Sie tritt in Widerspruch zur geschlossenen Form. Das ist ein gewaltsamer Akt der Entfaltung, der Kampf um Sichtbarkeit.
Das An-und-für-sich (Die Frucht): Die Synthese (oder "Negation der Negation"). Die Blüte verwelkt, damit die Frucht entstehen kann. Die Frucht ist das Resultat, sie enthält die Wahrheit der Pflanze, das Wissen um das Wachsen und das Reifen.
Übertragen wir diese Phänomenologie des Geistes auf unsere politische Realität.
Stufe 1: Die Demokratie "An sich" – Der naive Schlummer
(Vergangenheit, ca. 1990–2010)
Erinnern wir uns an die Zeit nach dem Mauerfall. Wir lebten in der Phase der Demokratie an sich. Sie war einfach da. Wir hielten sie für den "Normalzustand", für das unvermeidliche "Ende der Geschichte" (Fukuyama). Wir konsumierten Freiheit wie Luft – sie war selbstverständlich.
In dieser Phase war die Demokratie unreflektiert. Wir mussten nicht für sie kämpfen, wir mussten sie nicht begründen. Sie war ein reines Potenzial, aber sie kannte sich selbst noch nicht wirklich, weil sie keinen Gegner mehr zu haben glaubte. Es war eine bequeme, aber naive Existenz. Eine Knospe, die glaubte, die ganze Welt sei schon Knospe. (Hier ist übrigens “nur” von einer allgemeinen Öffentlichkeit die Rede, in akademischen oder intellektuellen Kreisen wurde Demokratie natürlich immer kritisch reflektiert.)
Stufe 2: Die Demokratie "Für sich" – Das Erwachen durch den Schmerz
(Gegenwart)
Hegel sagt: Bewusstsein entsteht nur durch Trennung, durch den Aufprall auf das "Andere". Ein Ich weiß nur, dass es ein Ich ist, wenn es auf ein Du (oder einen Feind) trifft. Wir befinden uns gerade mitten in dieser schmerzhaften Phase des Für-sich-Seins.
Die Demokratie wird negiert. Sie wird herausgefordert durch:
Den neuen Imperialismus und Autokratien (das Außen).
Den Nationalismus und Populismus (das Innen).
Das fühlt sich furchtbar an, ist aber dialektisch notwendig. Die Demokratie "betrachtet sich selbst", indem sie in den Spiegel ihrer Feinde blickt. Erst durch die Bedrohung durch Putin oder Trump, erst durch die Risse im Inneren, beginnt die Demokratie zu begreifen, was sie eigentlich ist. Sie kommt zu ihrem Selbstbewusstsein.
Die Proteste nach dem Mord an Renee Nicole Good durch einen ICE-Beamten oder das Ringen um Sicherheit und Ordnung in Metropolen wie New York sind keine Zeichen des Zerfalls, sondern der Reibung. Hier wird das Abstrakte konkret. Die Demokratie muss sich für etwas entscheiden und gegen etwas abgrenzen. Sie verliert ihre Unschuld (die Knospe bricht auf), aber sie gewinnt an Kontur. Der Schmerz, den wir spüren – die Polarisierung – ist der Beweis, dass der "Geist" arbeitet. Wir sind nicht mehr naiv, wir sind im Kampf.
Stufe 3: Die Demokratie "An und für sich" – Das absolute Wissen
(Zukunft / Das Ziel)
Wie kommen wir aus diesem Kampf heraus? Nicht, indem wir uns zurück in die Knospe (die 90er Jahre) wünschen. Das ist unmöglich. Wir müssen in die dritte Stufe: Das An-und-für-sich.
In diesem Stadium "kehrt die Demokratie zu sich selbst zurück", aber bereichert um die Erfahrung des Kampfes. Sie ist die Frucht. Was bedeutet das konkret für die Politik und für uns Bürger:innen?
1. Die Politik des "Absoluten Wissens"
Eine Demokratie auf der dritten Stufe ist eine erwachsene Demokratie.
Akzeptanz der Fragilität: Sie weiß, dass sie sterblich ist. Sie hält ihre Werte nicht mehr für Naturgesetze, sondern für eine tägliche Errungenschaft.
Integration des Widerspruchs: Sie versucht nicht mehr, das "Andere" (nationale Bedürfnisse, Identität, Sicherheit) nur zu verdrängen, sondern hebt es dialektisch auf. Sie versteht, warum Menschen autokratische Sehnsüchte haben, und beantwortet diese Bedürfnisse demokratisch, statt sie nur moralisch zu verurteilen.
Wehrhaftigkeit ohne Arroganz: Sie ist nicht mehr imperialistisch (will der ganzen Welt ihr System aufzwingen), aber sie ist massiv wehrhaft dort, wo ihre Existenz bedroht ist. Sie kennt ihren Wert, weil sie ihren Preis kennt.
2. Die Bürgerin der dritten Stufe
Wie handelt der einzelne Mensch in diesem Stadium? Er oder sie entwickelt eine hegelianische Gelassenheit.
Weg von der Empörung, hin zur Erkenntnis: Der Bürger der dritten Stufe gerät nicht bei jedem Angriff der Autokraten in Panik. Er versteht den Angriff als Teil des Prozesses.
Das Aushalten von Ambiguität: Wir müssen lernen, mit der "Unvollständigkeit" zu leben. Die Demokratie wird nie "fertig" oder "perfekt" sein. Das zu akzeptieren, ist keine Resignation, sondern Reife.
Tätige Vernunft: Anstatt auf den "starken Mann" zu hoffen, der die Komplexität wegwischt (Rückfall in Stufe 1 oder 2), übernimmt der/die Einzelne Verantwortung im Kleinen (Mikropolitik).
Fazit: Die Blüte muss fallen
Hegel zeigt: Die Blüte im Übergang (der jetzige Zustand des Konflikts) ist schmerzhaft, aber sie ist nicht das Ende. Sie muss verwelken, damit die Frucht entstehen kann. Wir sollten die derzeitigen Krisen nicht als den Untergang des Abendlandes lesen, sondern als die Geburtswehen einer wahrhaftigen Demokratie. Einer Demokratie, die nicht mehr nur da ist, sondern die weiß, warum sie da ist und was sie zu verteidigen hat.
Daher: lasst uns reifen. Und ja, es kann natürlich alles auch ganz anders werden ;)