Vertikalspannung am Meer: Mit Rilke und Sloterdijk in Duino und Triest
Tavernetta in Grignano
Eine Woche lang durfte ich gemeinsam mit einer wunderbaren Gruppe von 16 Menschen – geprägt von den diversesten Hintergründen und Lebensgeschichten – und meinem hoch geschätzten Kollegen Kai Kranner, in die faszinierende Atmosphäre von Duino und Triest eintauchen. Zwischen der schroffen Schönheit des Karsts und dem weiten Blick auf das Meer widmeten wir uns intensiv den Gedichten Rainer Maria Rilkes und der philosophischen Akrobatik von Peter Sloterdijk. Es war eine Reise, die nicht nur geografisch, sondern vor allem intellektuell in die Tiefe – und in die Höhe – ging.
Sloterdijk bezeichnet den Menschen in seinem Denken als ein „aufsteigendes Tendenztier“. Wir sind, so seine Diagnose, Wesen, die stetig nach Perfektion streben, die sich verbessern und über sich hinauswachsen wollen. In seinem monumentalen Werk Du mußt dein Leben ändern lehnt er sich dabei maßgeblich an Rilkes berühmtes Gedicht „Archaischer Torso Apollos“ an, dessen finale Zeilen sich wie ein unumstößlicher Imperativ in unser Bewusstsein brennen:
Lego-Rilke und ich
„[…] denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.“
Das gesamte Buch Sloterdijks ist von dieser zu beschreibenden „Vertikalspannung“ des Menschen durchdrungen. Der Drang nach oben, die Übung, das Training – all das formt für ihn den Kern der menschlichen Existenz. Doch genau hier beginnt die Reibung. An vielen Stellen belächelt Sloterdijk jene, die eher horizontal veranlagt sind: Menschen, die einfach bleiben wollen, wie sie sind, die sich im Sport nicht zwingend optimieren möchten oder die sich für allzu flache gesellschaftliche Hierarchien einsetzen.
Auch andere große Denker•innen bekommen bei ihm einiges ab. So wird Michel Foucault von Sloterdijk auf eine Weise gelesen, der ich ganz und gar nicht zustimmen kann. Seiner Lesart nach kommt bei Foucault lediglich die letzte Schaffensphase – die der „Sorge um sich“ – gut weg. Eine Reduktion, die Foucaults weitreichender Analyse von Macht und Diskursen nicht gerecht wird.
Für mich bleibt Sloterdijk letztlich ein höchst ambivalenter Denker. Auch wenn er immer wieder sehr bemüht ist, sich als Linker zu verteidigen und zu positionieren, schleicht sich beim Lesen unweigerlich ein Gefühl des Elitismus ein. Er hat einen starken, kaum zu verbergenden Hang zu einer strikten „Besser-Schlechter“-Dichotomie.
Und hier drängt sich eine entscheidende Frage auf: Müssen wir nicht mindestens beide Achsen – die vertikale und die horizontale – gleich schätzen?
Schloss Miramare
Ist Rilkes zwingender Appell „Du mußt dein Leben ändern“ denn wirklich immer als ein Aufstieg zu verstehen? Vielleicht ist er zunächst einfach nur ein Schritt zur Seite, eine Bewegung auf der Horizontalen. Das Leben soll in erster Linie nicht zwangsläufig „besser“ (im Sinne von perfekter oder leistungsstärker) werden – es soll vor allem anders werden.
Natürlich schwingt dabei die Möglichkeit mit, dass dieses „Anderswerden“ auch zu einem „Besserwerden“ führt. Doch genau diese Hoffnung birgt eine immense Gefahr. Denn meist geht bei uns ein völlig automatischer Hoffnungsreflex mit der Idee der Veränderung einher: Wenn etwas anders wird, glauben wir blind, dass es nur besser werden kann.
Diesen fatalen Kurzschluss erleben wir derzeit massiv in der Politik. Der unreflektierte Wunsch nach dem „Anderen“ führt zum Verfall an gefährliche, vereinfachende Ideologien, die schnelle Erlösung versprechen, wo eigentlich komplexes Umdenken gefragt wäre.
Vorsicht also, was du dir wünschst! Wenn uns die Begegnung von Sloterdijk mit Rilke an der stürmischen Küste von Triest eines gelehrt hat, dann vielleicht genau das: Der Drang zur Veränderung ist zutiefst menschlich – doch wir dürfen nicht blind für die Richtung werden, in die wir treten.
Bleibt wachsam!
Cornelia Mooslechner-Brüll