Sechs Tage ohne Smalltalk
Was beim philosophischen Wandern passiert — ein Rückblick auf eine Woche in Zauchensee
Am zweiten Tag schon unserer Reise sagte ein Teilnehmer: Er sei erstaunt, wie schnell man hier miteinander im Gespräch sei. Nicht in einem Gespräch über das Wetter, die Anreise, die Knie. Sondern sofort mittendrin.
Das ist keine Begabung dieser Gruppe allein, obwohl sie eine besonders wohlwollende, neugierige und inspirierende war. Es liegt am Format. Und weil mir diese Reise wieder gezeigt hat, warum es funktioniert, schreibe ich es auf.
Der Trick ist, die Frage vor die Vorstellung zu stellen
Normalerweise läuft eine Begegnung so ab: Wie heißen Sie, was machen Sie beruflich, woher kommen Sie? Das ist nicht falsch. Aber es ordnet den anderen ein, bevor man ihn gehört hat. Man bekommt eine Kategorie und glaubt, man hätte einen Menschen.
Beim philosophischen Wandern drehen wir die Reihenfolge um. Wir gehen los, und nach wenigen Minuten steht eine Frage im Raum — eine, auf die niemand eine fertige Antwort hat. Was heißt es, zu werden, wer man ist? Wann hast du zuletzt gestaunt? Was von dem, was du dir vorgenommen hattest, hast du inzwischen abgelegt — und war das ein Verlust?
Dann geht man nebeneinander her und redet. Und weil man nicht weiß, ob der Mensch neben einem Ärztin, Lehrer oder pensionierte Richterin ist, hört man auf das, was tatsächlich gesagt wird. Man taucht in die Gedankenwelt des anderen ein, in seine Bedeutungsmuster, in die Art, wie er die Welt sortiert. Das ist ungleich interessanter als jede Berufsbezeichnung — und, das ist der eigentliche Punkt, es ist auch ungleich intimer.
Der Beruf kommt dann irgendwann beim Abendessen. Meistens am dritten Tag. Und überrascht dann die meisten.
Warum das Gehen dabei kein Beiwerk ist
Man könnte einwenden: Das ginge auch im Seminarraum. Ginge es, und es geht auch — wir machen das den ganzen Winter über. Aber der Berg fügt etwas hinzu, das man nicht herstellen kann.
Zum einen das Nebeneinander. Ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht hat etwas Prüfendes; man sieht jede Reaktion sofort und richtet sich danach. Beim Gehen schaut man gemeinsam nach vorn. Man darf stocken, einen Satz abbrechen, drei Schritte schweigen. Gedanken, die noch nicht fertig sind, halten das aus. Im Sitzen halten sie es selten aus.
Zum anderen der Leib. Wir tun in der Philosophie gern so, als säße das Denken im Kopf und der Rest wäre Transportmittel. Diese Woche hat mich wieder vom Gegenteil überzeugt. Der Blick von oben, mit dem Marc Aurel seine Sorgen kleiner rechnete, ist keine Metapher, wenn man tatsächlich oben steht und das Tal unter sich liegen sieht: Die Proportionen verschieben sich körperlich, nicht nur argumentativ. Und dann die Nebelschwaden, die den Weg schlucken und wieder freigeben. Der Geruch des Waldes nach dem Regen. Die Regentropfen auf dem Klee, die man erst sieht, wenn man stehen bleibt. Die Kühe, die nicht weichen und einen zwingen, den Weg um sie herum zu verhandeln. Alle Sinne offen — und mit ihnen der Verstand.
Wer sechs Tage lang so geht, denkt anders. Nicht besser gelaunt. Anders.
Was man dabei über sich selbst erfährt
Ich leite diese Wochen, und trotzdem passiert es mir jedes Mal: dass ich in einem Gespräch etwas über mich erfahre, das mir vorher nicht klar war. So war es auch diesmal. Jemand teilte mit mir ihre Beobachtung — und die schlug ein wie ein Blitz. Und plötzlich stand da ein Muster meines eigenen Lebens deutlich vor mir, das ich jahrelang übersehen hatte.
Das ist das, was diese Wochen von einer Wissensreise unterscheidet – hier werden wir wirklich gebildet im Sinne Peter Bieris (“Wie wäre es, gebildet zu sein?”). Man lernt nicht in erster Linie über Nietzsche, Epiktet, Buber, Arendt, Rosa — obwohl auch das, jeden Vormittag. Man lernt an ihnen. Sie stellen die Fragen, die man sich selbst nicht stellen würde, weil man zu nah dran ist. Und die Gruppe stellt die Nachfragen, die man sich selbst nicht traut zu stellen.
Nietzsche hat den Satz, der über dieser Woche stand, in der Fröhlichen Wissenschaft (Aphorismus 270) als Antwort des Gewissens formuliert: Du sollst der werden, der du bist. (Der Satz stammt ursprünglich vom Dichter Pindar.) Ich habe der Gruppe am ersten Abend versprochen, dass dieser Satz am Ende der Woche etwas anderes bedeuten würde als am Anfang. Er tat es. Am Anfang klingt er wie ein Auftrag zur Selbstoptimierung. Am Ende klingt er wie eine Erlaubnis.
Die Welt kommt verzaubert zurück
Die politische Theoretikerin Jane Bennett hat dagegen argumentiert, dass unsere Welt entzaubert sei. Ihr Gegenvorschlag: Verzauberung ist keine Eigenschaft der Welt, sondern eine Fähigkeit, die man üben kann — ein Aufmerksamwerden für das Eigenleben der Dinge, für das, was uns ansieht, ohne dass wir es geplant hätten. Genau das ist der Zustand, in dem man nach so einer Woche heimfährt.
Und es hält nicht ewig, das gehört zur Ehrlichkeit dazu. Aber es hält länger, als man denkt, und es lässt sich wiederholen. Dafür braucht es nicht unbedingt einen Berg. Es braucht eine Frage, etwas Zeit und jemanden, der zuhört.
Und nächstes Jahr
Es geht weiter. 2027 sind wieder drei philosophische Wanderwochen mit ZEIT REISEN geplant: in die Ramsau am Dachstein, nach Bad Hofgastein — und noch einmal in unser geliebtes Zauchensee. Die Termine kommen, sobald sie fix sind; wer sie zuerst erfahren möchte, ist im Newsletter richtig.
Bis dahin: Wer das Format kennenlernen will, ohne auf einen Berg zu steigen, dem lege ich das Online-Seminar „Was uns abhandenkommt" ans Herz. Acht Abende ab Donnerstag, 8. Oktober, jeweils 18:30 bis 20:00 Uhr, eine Denkerin oder ein Denker pro Abend — vier der acht Themen kamen diese Woche am Berg vor: Staunen, Muße, Begegnen, Urteilen. Die Gruppe bleibt klein, damit wirklich gesprochen wird. → https://www.philoskop.org/seminare
Und wenn die Frage, die gerade ansteht, eher unter vier Augen gehört als in eine Gruppe: Dafür gibt es das Einzelgespräch, die Briefberatung und den Deep Dive SOLO → https://www.philoskop.org/einzel · https://www.philoskop.org/deepdive · Kostenloses Erstgespräch: https://www.philoskop.org/buchen
Alle Wanderungen und Reisen: https://www.philoskop.org/wandernreisen
Zum Weiterlesen: In meinem Buch Radikale Freiheit (Goldegg Verlag) geht es um genau diese Spannung — zwischen dem, was uns vorgegeben ist, und dem, was wir daraus machen.
Zum Schluss der wichtigste Satz dieses Textes: Danke an diese wundervolle Gruppe. Für die Offenheit, mit der ihr einander begegnet seid, für die Fragen, die weitergingen als unsere, und für sechs Tage, in denen niemand über das Wetter gesprochen hat. Obwohl es reichlich Anlass gegeben hätte!