Rezepte gegen Misstrauen und Misanthropie

Dr. Cornelia Bruell

Misstrauen als Grundhaltung

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Thomas Hobbes sagt, der Mensch sei dem Menschen ein Wolf (der arme Wolf!). Der Egoismus, der eigene Profit, oft argumentiert als Überlebenstrieb oder -instinkt, prägte viele Philosoph*innen und ihre Theorien. Sie machten dieses Menschenbild explizit zum Thema und bauten darauf ihre Vorstellung von einem dennoch funktionierenden Gemeinwesen auf - quasi als Heilung der menschlichen Defektivität. 

Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, dass sie ein solch negatives Menschenbild zur Grundhaltung gemacht haben oder ihnen antrainiert wurde. Und doch macht sich ein Unbehagen breit. Immer wieder taucht die Frage auf: sind die mich umgebenden Menschen tatsächlich so böse, so hinterhältig, so egozentrisch?

Ist das gut?

Stellen wir uns doch mal die Frage, ob es sich mit dieser Haltung gut leben lässt. Wenn Sie diese Frage jetzt mit "Ja" beantworten, brauchen Sie gar nicht weiter zu lesen. Sollten Sie aber den geringsten Zweifel haben, lesen Sie weiter.

Sie werden vielleicht skeptisch sein, weil Sie davon ausgehen, dass eine solche Haltung nicht ohne Grund entstanden ist. Dass die Erfahrung einfach gezeigt hat, dass der Wolf ein zentraler Bestandteil des Menschen ist. Doch die Erfahrung allein, das Phänomen allein, ist nicht die reine Wahrheit. Zunächst müssen wir das Phänomen interpretieren, erst dann wird es zur Erkenntnis. Und weil wir uns meist nicht die Mühe machen, es selbst zu interpretieren, sondern lieber auf Lehrsätze, Überzeugungen und Schemata zurückgreifen, die sozio-kulturell zur Norm wurden, liegt es Nahe, den Menschen als Wolfskind zu betrachten.

Zudem fühlt sich eine skeptische Grundhaltung irgendwie gut an - vielleicht fühlen wir uns dadurch den anderen überlegen und intelligenter. Auch das formulierte Hobbes als eine Grundhaltung des Menschen: er glaubt immer geistig dem Anderen überlegen zu sein. Jeder Einzelne von uns. Irgendwie eine Unmöglichkeit.

Doch: es kann auch IMMER anders gedacht werden!


Zwei Gedankenrezepte

Gedankenrezept Nr. 1: Der Kampf um Anerkennung

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Nach Axel Honneth, der damit an Hegel anschließt, ist jegliche Sozialität vom Kampf um Anerkennung geprägt (Buchempfehlung!). Dieses Grundbedürfnis kann dabei in verschiedenen Formen befriedigt werden. Liebe ist zum Beispiel eine solche Form der Anerkennung. Aber auch Erfolg, Respekt, Prestige etc. gehören zu den Anerkennungsformen - bis hin zur Verleihung der Staatsbürgerschaft.

Was passiert nun, wenn wir den Menschen als ein Wesen betrachten, dessen zentrales Anliegen es ist, anerkannt und geliebt zu werden? 

Beispiele

Stellen Sie sich vor, Sie bitten einen Verkäufer um Hilfe und bekommen eine rüpelhafte, wenig hilfreiche Antwort serviert. Zunächst werden Sie denken, es ist dessen Aufgabe und Pflicht, Sie ordentlich zu bedienen, immerhin handelt es sich um eine Dienstleistung. Was aber, wenn Sie nun davon ausgehen, dass auch dieser Mensch anerkannt und geliebt werden will. Es kommen Ihnen Gedanken, wie: vielleicht hat er in seinem persönlichen Umfeld nur Menschen, die ihn kritisieren? Vielleicht bekommt er viel zu wenig Gehalt für seine Tätigkeit? Vielleicht würde er sich gerne ganz anders verwirklichen? 

Nicht, dass diese Überlegungen ihn von seiner Pflicht entbinden, doch was sich ändert, ist Ihre Haltung dem Ereignis und Menschen gegenüber und damit wahrscheinlich auch der Ausgang des Gesprächs. Es geht nicht darum, jegliches Verhalten zu legitimieren, sondern es geht um Ihren Standpunkt - Ihre Interpretation und damit die realen Konsequenzen.

Zweites Beispiel: die Kinder streiten. Sie hauen, beißen, kratzen, brüllen. Wir können dabei entweder jegliche Geduld verlieren und damit den Tag als gescheitert betrachten. Wenden wir allerdings den Gedanken der Anerkennungstheorie an, dann stellt sich die Situation vielleicht ganz anders dar? Gerade in Familienkonstellationen geht es oft um mangelnde Aufmerksamkeit, Zuneigungsbekundung, da man die Zuneigung als selbstverständlich erachtet. Auch dieser Kampf ist ein Kampf um Liebe.

 

Gedankenrezept Nr. 2: Vertrauen

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Ein anderer Grund für Misanthropie kann in dem mangelnden Vertrauen in die Kompetenzen anderer liegen. Wie Hobbes gezeigt hat, gehen wir prinzipiell davon aus, dass wir den anderen geistig überlegen sind. Dies macht unser Leben allerdings erheblich schwieriger. Denn, wenn wir selbst der einzige Mensch sind, dem wir wirklich vertrauen können, müssen wir auch die meisten Dinge, sofern wir wollen, dass sie auf die beste Art und Weise erledigt werden, selbst in die Hand nehmen. Was für eine Mühe! Ständig übernehmen wir daher Verantwortung, die ohne weiteres bei anderen belassen werden könnte.

Was, wenn wir davon ausgingen, dass jede*r andere genauso gut dazu in der Lage ist, Dinge in die Hand zu nehmen wie wir. Was, wenn wir sogar unseren Kindern zutrauen würden, dass sie ihr Leben auch ohne uns und mit Bravour meistern werden? Was, wenn wir vom Reichtum an Potenzialen und Fähigkeiten der Anderen ausgingen? Wäre unser Leben dann nicht auch leichter? Könnten wir das, was uns wirklich wichtig ist, vielleicht mehr genießen, weil wir den Anderen auch ein Stück Welt überließen?

Wenn Sie wollen, probieren Sie diese beiden Gedankenrezepte aus, gerade in den genannten heiklen Situationen. Gerade dann, wenn der Wolf wieder sein finsterstes Gesicht zu zeigen scheint.

Leben Sie wohl!

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