Sapere Aude - Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!

Endlich handeln!

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Viele kennen sie, diese herausfordernden Worte von Immanuel Kant, aber nur wenige wissen, wie hilfreich sie wirklich sein können! Aber um die Kantische Idee des Vernunfthandelns voll ausschöpfen zu können, müssen wir uns zweier Dinge bewusst werden:

  1. geht es Kant im Sapere aude Aufruf nicht so sehr um den Verstand als viel mehr um die VERNUNFT

  2. geht es beim Mut eigentlich um die volle Entfaltung der Freiheit

Aber gehen wir es langsam an. Zunächst zu den Voraussetzungen, wie wir erfolgreich ins Handeln kommen:

Lob der Vernunft

Die Vernunft übersteigt in seiner Erkenntnisfähigkeit den Verstand, denn der Verstand dient zunächst dazu, das Erlebte, die Phänomene zu ordnen, zu strukturieren. Aber die Vernunft lässt uns größere Zusammenhänge erkennen, vielleicht sogar Theorien entwickeln. Und die praktische Vernunft erlaubt es uns, ethische Prinzipien zu setzen. Die Vernunft ist es also, die uns sagt, was richtig und was falsch ist. Und das wichtigste:

Die Vernunft ist in JEDEM Menschen vorhanden und JEDER ist prinzipiell dazu in der Lage, ihr zu folgen!

An diese unsere Vernunftfähigkeit und Fähigkeit zur Einsicht sollten wir also dringend glauben und in sie vertrauen. Immerhin tat dies auch Kant, obwohl er gar nicht mal der optimistischste Zeitgenosse war. Einmal beginnt er so: “Bei der Bösartigkeit der menschlichen Natur….”

ABER: durch die Vernunft können wir Meister über dieses böse Prinzip werden. Aber wie?

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Lob der Freiheit

Der Mensch ist nach Kant vor allem frei geboren. Die Vernunft sagt uns nun aber, dass zum Beispiel ein gemeinschaftliches Leben produktiver, sicherer, angenehmer ist. Die Vernunft sagt uns auch, dass wir uns zu anderen Menschen moralisch verhalten sollen. Dieses moralische Prinzip ist tief in uns verwurzelt.

Schön und gut, aber bis jetzt handelt es sich bei all dem immer noch um ein äußerst anspruchsvolles Modell - eine Utopie?

Den Schweinehund überwinden

Wie oft wissen wir genau, was richtig wäre, sind aber nicht dazu in der Lage, danach zu handeln? Wie oft wollen wir etwas, ziehen es aber nicht durch oder kommen gar nicht erst in die Gänge?

Die Lösung: den richtigen Freiheitsbegriff haben!
Kant versteht Freiheit nicht, wie heute weit verbreitet, im Sinne des willkürlichen Tuns - ich kann machen, was ich will. Und dieses Wollen ist vielleicht darüber hinaus noch sprunghaft. Heute will ich also arbeiten, morgen vielleicht nicht. Heute will ich Fast Food essen, morgen ernähre ich mich mal wieder vegan.

Nein, das wäre keine Freiheit im Sinne Kants. Nach Kant heißt Freiheit entsprechend der Vernunft zu handeln und die Gesetze, die ich mir selbst gebe, strengstens einzuhalten. Sobald ich vom vernunftgesteuerten Handeln abweiche, unterliege ich nämlich einem Zwang: zum Beispiel jenem der Triebe oder der Leidenschaften.

Freiheitspraxis

Man verinnerliche einmal für einen kurzen Moment diesen Freiheitsbegriff: Ich handle im größten Maße FREI,

  • wenn ich regelmäßig Joggen gehe, weil ich selbst erkannt habe, wie sinnvoll dies für meinen Körper ist

  • wenn ich ausschließlich mit dem Fahrrad fahre, weil mir bewusst ist, wie schädlich das Auto für die Umwelt ist

  • wenn ich einen gewissen Prozentsatz meines Gehalts spende, weil ich davon überzeugt bin, dass Wohlstand geteilt werden muss

  • wenn ich wertschätzend und respektvoll mit ALLEN Menschen umgehe, weil ich auf das moralische Prinzip in mir höre

  • kurz gesagt: wenn ich meinen Prinzipien treu bleibe.

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Noch einmal: wenn mir meine Vernunft sagt, dass der Klimawandel gestoppt werden muss, weil wir sonst alle nicht überleben, dann bin ich nur dann wirklich FREI, wenn ich dieser Vernunft entsprechend handle. Und welches Gefühl kann nun schöner sein als jenes der Freiheit?

Sich zunächst seines Verstandes zu bedienen, sich selbstkritisch mit dem eigenen Denken und Handeln auseinandersetzen, gesellschaftliche Zusammenhänge vernünftig erfassen zu versuchen und dann dementsprechend auch zu handeln - das ist Freiheit!

Ausgeschlossen wird hier: Die Kronenzeitung zu lesen, weil das Format so schön klein ist. Bauer sucht Frau zu schauen, weil das Gehirn dann nicht aktiviert werden muss. Oder die Tiefkühlpizza zu essen, weil das Kochen zu anstrengend ist. All dieses Handeln entspringt einem Zwang: dem Zwang der Faulheit und dem Zwang der Trägheit.

Zugegeben, der Anspruch ist hoch. Und Kant gelang ein solches Leben auch erst nach dem vierzigsten Lebensjahr. Aber selbst wenn wir uns nur ein bisschen davon leiten lassen, würde sich dann nicht schon Vieles ändern?

Cornelia Bruell1 Comment