Warum sich die Gäste in der Philosophischen Praxis nicht auf die Couch legen

Was ist Philosophische Praxis?

Dr. Cornelia Bruell

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Die folgenden Ausführungen entsprechen ausschließlich meinem Verständnis von Philosophischer Praxis. Es gibt hier zahlreiche divergente Ansätze. Nur wenige aber würden Philosophische Praxis als Therapieform bezeichnen. Auch nicht die im ZEIT Artikel genannten, äußerst versierten, philosophischen Praktiker*innen. Daher ist diese Klarstellung von Relevanz. Ich beziehe mich hier auf den folgenden Artikel: https://www.zeit.de/2019/24/lebenshilfe-philosophie-beratung-therapie-alltagsprobleme

Was unterscheidet also die Philosophische Praxis sowohl von Psychotherapie als auch vom Coaching?

Zunächst macht es sich das Philosophieren zur Aufgabe, sowohl in die Breite zu gehen, als auch in die Tiefe zu denken. Im philosophischen Gespräch befinden sich Philosoph*in und Gast auf Augenhöhe. Es gibt hier kein hierarchisches Denken, kein Gefälle, keine Position des Wissens, die absolut eingenommen werden könnte. Es handelt sich um einen Dialog zwischen zwei oder mehreren Menschen, die versuchen, im Denken eine zeitlang in eine ähnliche Richtung zu gehen, um mögliche weitere Denkrichtungen an den Rändern auszuloten.

Gesellschaft statt Vereinzelung

Im philosophischen Gespräch geht es dabei nie ausschließlich um das Individuum. Menschen, die philosophisch reflektieren, können sich nicht als isoliert oder losgelöst von Gesellschaft begreifen. Sie wollen das auch nicht. Sie werden sich nicht zurückziehen in eine Position des Aushaltens, der selbstbezüglichen Gelassenheit. Wenn sie Gelassenheit entwickeln, dann ist diese immer rückgebunden an ein Verantwortungsbewusstsein für Gesellschaft. Die Philosophie versucht stets auch größere Zusammenhänge in den Blick zu bekommen. Sie fokussiert weder auf die individuelle Psyche, noch das individuelle Funktionieren.

Kritisches Denken statt Therapie

Das Wort Therapie kommt von therapeúein, was so viel heißt wie: „dienen, pflegen, heilen“. Um etwas heilen zu können, muss zunächst eine Krankheit, ein Defizit, festgestellt werden, die oder das es zu reparieren gilt. Dafür muss wiederum von einer Norm ausgegangen werden, damit es überhaupt eine Abweichung geben kann. Von einer solchen Norm wird aber in der Philosophischen Praxis nicht ausgegangen. Die Norm ist nichts anderes als eine gewachsene, kontingente Konstruktion der Gegenwart, die sich hegemonial etablieren konnte. Philosophieren, verstanden als kritisches Denken, stellt gerade solche Normen in Frage und geht zunächst davon aus, dass die Wahrheit, die nie absolut ergründet werden kann, gerade auf individueller Ebene immer auch ganz woanders liegen kann.

Viele der Gäste, die in die philosophische Praxis kommen, berichten davon, dass sie jahrelang in Therapie waren, aber nie das für sie geeignete Gespräch gefunden haben. Sie waren und sind auf der Suche nach der Möglichkeit, das eigene Denken auszuloten, ohne dass schon eine Heilung als Ziel im Raum steht. Weil weder die Wahrheit, noch das Wissen absolut gesetzt und gelehrt wird, können philosophische Praktiker*innen auch nicht als „Weisheitslehrer“ bezeichnet werden. Weisheit lässt sich gar nicht lehren, weil sie immer an die individuelle Lebenserfahrung und Wechselseitigkeit von Denken und Handeln geknüpft ist.

Fragen statt Ziele

Die Philosophische Praxis verfolgt zunächst gar kein Ziel. Das unterscheidet sie auch vom Coaching. Selbst wenn beim Coaching das Finden eigener Lösungen befördert werden soll, statt diese schon vorzugeben, so handelt es sich immer noch um ein Suchen nach Lösungen. In der Philosophischen Praxis sucht man nicht nach Lösungen. Es kann sein, dass sich eine Fragestellung auflöst, aufgrund des Fortgangs des Gesprächs. Es kann aber auch genauso gut sein, dass sich viele neue Fragestellungen ergeben. Es geht weder um Persönlichkeitsentwicklung, noch geht es um das Auffinden von Kompetenzen. Es geht im klassisch philosophischen Sinne um das "Gnoti seauton“” - dem „Erkenne dich selbst“ - das aber nur den Anfang eines facettenreichen Weges darstellt. Denn es geht vor allem auch im sokratischen Sinne darum, sich in Aporien wiederzufinden, in Unentscheidbarkeiten, in Sackgassen zu geraten, um gerade dadurch zu einem neuerlichen Fragen und Hinsehen inspiriert zu werden. Es geht darum, das philosophische Fragen als eine Kulturtechnik zu entdecken, als etwas, das den Horizont weitet und das Denken öffnet - Denken nicht ausschließlich, aber auch als Selbstzweck!

Begriffsarbeit statt Coaching

Der Begriff des Coachings kommt zunächst aus dem Sport und wird im Duden übersetzt mit "das Betreuen während des Wettkampfs“”. Selbstredend handelt es sich beim Philosophieren um keinen Wettkampf. Auch beim Philosophieren in Gruppen ist das erste, was der/die Philosoph*in versucht klarzustellen, dass es sich nicht um das Gewinnen eines Arguments handelt. Beim philosophischen Gespräch wird versucht, gemeinsam um einen Begriff zu kreisen, Schattierungen auszuloten, sich der verschiedenen Bedeutungen gemeinsam anzunähern. Manchmal wird das Bild der "Statue meißeln" verwendet. In der Mitte hat man sich einen Marmorblock vorzustellen, der gemeinsam behauen wird - was freigelegt wird, ist das, was nach dem Entfernen des Überflüssigen, für diesen konkreten Gesprächskreis als relevant übrig bleibt.

Freude am Denken statt Lebenshilfe

Kant zum Beispiel als „Lebenshilfe“ zu interpretieren, scheint äußerst gewagt. Wer sich einmal auf das Denken Kants eingelassen hat, wird wahrscheinlich zunächst einmal aufgrund der Komplexität verstört, mindestens aber verwirrt sein. Das philosophische Denken ist eine Herausforderung. Es ist anstrengend und verlangt uns etwas ab. Das philosophisch Gedachte kann natürlich eine Faszination ausüben, vor allem, wenn man sich selbst auf einmal als ein denkendes Wesen erlebt und erkennt. Ich würde also sagen, die Philosophie vivifiziert. Nur sehr wenige Philosoph*innen aber wollten ihre Theorien als Lebenshilfe verstanden wissen. Schon gar nicht Kant, der sich selbst nicht ganz leicht tat beim Leben.

Philosophische Praxis als Gegendiskurs

Schlussendlich lässt sich die Philosophische Praxis sicherlich nicht in einen neoliberalen Diskurs von Nützlichkeit, Zweckmäßigkeit und Ökonomisierung zwängen. Dafür hat sie mit ihrer mehr als 2500 Jahre alten Geschichte schon zu viel erlebt. Dass es manchen Menschen leichter fällt, sie in dieses Schema zu pressen, weil sie vielleicht selbst zu wenig Erfahrung mit dem Philosophieren haben, ist verständlich. Es gibt aber eben den Bereich, der sich zwischen dem berüchtigten Elfenbeinturm und der Markttauglichkeit befindet - und genau das ist der Ort der Philosophischen Praxis. Es ist nicht leicht, sich dort einen Platz zu erkämpfen, weil uns manchmal dafür sogar die Begriffe fehlen und ein solcher Gegendiskurs erst etabliert werden muss. Aber es lohnt sich - so zumindest das Urteil jener, die sich schon einmal dorthin auf den Weg gemacht haben.