Gastbeitrag: Was ist Wahrheit?

Die Wahrheit im Recht - aus der Sicht einer Rechtsanwältin

Geschrieben von Mag. Katharina Braun

www.rechtsanwaeltin-braun.at

Ich bin eine selbständige Rechtsanwältin in Wien. Mit der sogenannten Wahrheit beschäftigen wir Rechtsanwälte uns viel. Der Begriff der „Wahrheit“ bereitet uns Juristen viel Kopfzerbrechen.

 Foto: Doris Mitterer  www.fotomitterer.at

Foto: Doris Mitterer www.fotomitterer.at

Die Wahrheit ergründen zu wollen ist die Kernaufgabe eines Gerichtsverfahrens. In einem Verfahren bringen Parteien und Zeugen unterschiedliches vor. Letztlich muss ein Richter den Sachverhalt feststellen und entscheiden.

Es gibt keine absolute Wahrheit, etwas einmal Festgestelltes hat nicht ewige Gültigkeit.

Für den Psychiater und Philosoph Karl Jaspers beginnt das Unheil menschlicher Existenz „ wenn das wissenschaftliche Gewusste für das Sein gehalten wird.“ Albert Einstein wiederum erkannte, dass die Theorie selbst vorgibt, was beobachtet wird. Wir selbst sind also die Konstrukteure unserer Wirklichkeit (Psychotherapeut und Philosoph Paul Watzlawick). Es gibt keine von uns unabhängige Wirklichkeit.

Auch wenn wir es nicht gerne hören; eine absolute Wahrheit gibt es wohl nicht. Denn auch das Festgestellte gilt eben nur solange bis das Gegenteil bewiesen worden ist. Einmal Festgestelltes hat nicht den Anspruch auf Ewiggültigkeit. Dies ist in der juristischen Praxis oft zu erleben. So wenn in Folge eines Rechtsmittels ein Urteil aufgehoben wird. Die Bestimmung dessen was als Wahrheit zu gelten hat, ist Übereinkommen der jeweiligen Gesellschaft in welcher wir leben. So sind wir uns heut zutage in unserer Gesellschaft etwa einig, dass Kinder nicht zu züchtigen sind.

Selbst die Wahrnehmung unserer Natur differiert je nach Volkszugehörigkeit. So unterscheidet sich die Wahrheit eines Naturvolkes von der einer Stadtbevölkerung. Ja, sogar bei der banalen Feststellung wie der „die Erde ist eine Kugel“ handelt es sich nur um eine relative Wahrheit. Denn die Erde ist durch Polkräfte und durch die Rotation aus der Form geraten.

Unsere Wahrheit ist subjektiv; also von unserer Wahrnehmung abhängig. So wähnen wir in einem Kritiker einen Gegner, um später festzustellen, dass dieser einem in Wahrheit wohlgesonnen ist und sich mit uns nur ernsthaft auseinandergesetzt hat, während der auf den ersten Blick so nette Mensch tatsächlich nur ein unehrlicher Schmeichler war.

Bei Gericht vermeint sich jeder im Recht

Bei Gericht ist es meist so, dass jede Partei vermeint im Recht zu sein. Bei näherem Hinschauen zeigt jedoch selbst der zunächst ganz klar erscheinende Sachverhalt seine Unschärfen. Letztlich zählt auch bei Gericht die Performance, die Aufbereitung des Sachverhalts. Die Aufgabe eines Anwalts ist es seinem Mandanten zu seinem Recht zu verhelfen, und dazu gehört eben, dass die Darstellung/ die Wahrheit (Übereinstimmung der Darstellung mit den Fakten) des Mandanten Bestätigung findet.

Oft verbleibt es jedoch am Ende eines Gerichtsverfahrens fraglich ob im Prozess die Wahrheit (griechisch „aletheia“ das Enthüllte) hervor gekommen ist. Beweise, so auch Zeugenaussagen, unterliegen der Interpretation und so der subjektiven Einschätzung.

Die Gefahr der Überzeugung

“Überzeugungen sind der größere Feind der Wahrheit, als Lügen” (Friedrich Wilhelm Nietzsche)

Es sind aber eben die Vorstellungen, die letztlich zu einer jeweiligen Entscheidung oder auch Nichtentscheidung führen.

So gab es zuletzt Diskussion um das Urteil einen oststeirischen Arzt betreffend. In diesem Urteil hat der Richter die ihm unpassend erscheinende Kleidung der Familienmitglieder ausführlich beschrieben. Der Richter schlussfolgerte, dass die Misshandlungsvorwürfe der Familie wohl einem verspäteten Rosenkrieg geschuldet seien. In der Entscheidung ließ der Richter durchblicken, dass persönliche Einstellungen in die Urteilsfindung eingeflossen seien. Dies gab berechtigten Anlass für Kritik.

Wir haben Vorstellungen wie Täter auszuschauen und sich zu verhalten haben.

Das tadellose Außenbild von Josef Fritzl hat die Behörden davon abgehalten näher hinzuschauen. Fritzl hatte die Behörden Glauben gemacht, dass seine Tochter in eine Sekte weggelaufen sei und seiner Frau und ihm ihre Babys vor die Tür legte. Tatsächlich handelte es sich bei den Kindern um seine eigenen, welcher er unter grausamsten Umstände mit seiner eigenen Tochter im Verließ gezeugt hatte. Josef Fritzl hat sich nach Außen normgerecht verhalten. Er galt als anständiger fleißiger Bürge. Die Behörden nahmen dadurch Fritzls Aussagen als wahr hin und schauten nicht näher hin.

Wir gehen davon aus, dass jeder Mensch ähnlich wie man selbst tickt. Dies führt oft zu unrichtigen, ja wohl unwahren Schlussfolgerungen, und Missverständnissen. Wir sind geneigt unsere Wahrheit zur allgemein gültigen Wahrheit zu erheben.

So gibt es Menschen, die -wenn sie aufgeregt sind- nervös agieren. Es gibt aber auch Menschen, die ganz im Gegenteil unter Anspannung ruhig, konzentriert wirken. Gerade bei Gericht passiert es immer wieder, dass Menschen (im Selbstschutz oder auch aus Unsicherheit), an unpassender Stelle lächeln, und so (wenn auch fälschlich) arrogant wirken. Vom eigenen Verhalten kann man nicht den Schluss ziehen, dass ähnliches Verhalten bei einem Mitmenschen gleich zu interpretieren wäre.

Ein Richter sieht einen Zeugen meist nur einmal

Bei Gericht gilt meist bei Zeugeneinvernahmen „You never get a second chance to make a first impression.“ Der Richter sieht einen Zeugen meist nur einmal, eben bei seiner Einvernahme, wirkt dieser stressbedingt verworren, so wird seine Aussage den Standpunkt der Partei, die ihn als Zeugen geführt hat, nicht stützen.

Unterschiede sorgen für Missverständnisse

Oft sorgen auch unterschiedliche Herkünfte und das Nichtwissen um den kulturellen Hintergrund für Missverständnisse. So gibt es in südlichen Ländern viel mehr Körperkontakt und wird ein geringerer Abstand bei der Konversation eingehalten, als es in etwa in nördlichen Ländern oder bei uns der Fall wäre. Wir empfinden sodann den für uns zu geringen Abstand zuweilen als befremdlich.

Die Tücken der Erinnerung

Auch das mit dem Erinnern ist so eine Sache. So wies die Psychologin und Buchautorin Julia Shaw („Das trügerische Gedächtnis“ Carl Hanser Verlag) in einem von ihr durchgeführten Versuch nach, dass Erwachsene durchaus geneigt sind Kindererlebnisse als die ihren anzuerkennen. Auch wenn dies tatsächlich gar nicht der Fall ist. Möglich war diese unbewusste Erinnerungsverfälschung durch eine Suggestion der Versuchsleiterin. Den Probanden war von dieser gesagt worden, dass sie gewisse Informationen vorab bei den Eltern abgefragt hätte. Die Teilnehmer akzeptierten diese Fakeinformationen als ihre tatsächliche Vergangenheit. Ähnliche Erinnerungsexperimente wie Shaw hatte u.a auch schon – mit dem gleichen Ergebnis- die Psychologin Elizabeth F. Lofthus angestellt.

Wird ein Mensch einer grausamen Tat verdächtigt, so können sich zunächst meist dessen Nachbarn an nichts Auffallendes erinnern. Mit der Zeit meint das Umfeld sich jedoch dann an immer mehr komische Erlebnisse erinnern zu können. Dahinter steckt oft nicht eine Gier nach Aufmerksamkeit, sondern der Umstand, dass die Erinnerung an sich eben ein hoch komplexer Vorgang ist.

So erinnert man sich an eine eigene Erkrankung mitunter als schlimmer, oder wird ein Geschenk als mickriger beschrieben, als es tatsächlich der Fall war. Bei Gericht sagen Zeugen, Parteien oft widersprüchlich aus. Nicht selten sind Erinnerungen an ein Ereignis ganz unterschiedlich. Das heißt aber noch lange nicht, dass bewusst gelogen wird.

In der Psychologie wird so etwas „Rückschaufehler“ („hindsight bias“) genannt. Jedes Mal, so die Gedächtnisforscher (zB der niederländische Forscher Douwe Draaisma), wenn eine Erinnerung aufgerufen wird, erfolgt ein neuer Speicherprozess. Erinnerungen befinden sich in einem instabilen Zustand. Sie werden sohin immer neu geschrieben und umgeformt.

Unsere Vergangenheit unterliegt unserer Interpretation. So gibt es Fälle, wo ein Erwachsener meinte als Kind vergewaltigt worden zu sein, tatsächlich stellte sich heraus, dass das Kind viel mehr mitangehört oder auch mitangeschaut haben dürfte, wie der Vater die Mutter zum Geschlechtsverkehr nötigte. Dies war für das Kind derartig traumatisch, sodass es später vermeinte, dies selbst erlebt zu haben.

Eine Therapie und ein Gerichtsprozess funktionieren ganz unterschiedlich.

Aufgabe einer Therapie ist nicht die der Wahrheitsfindung, oder die der Beweisfindung. Dies anzuerkennen fällt den Klienten oft sehr schwer.

Kreativer Umgang mit dem Thema Wahrheit- „ alternative Fakten“

Einen schon eher kreativ anmutenden Begriff rund um das Thema Wahrheit bzw. das Bestreben einen Sachverhalt in einem günstigen Licht darzustellen prägte Trumps Beraterin Kellyanne Conway, nämlich den der „alternativen Fakten“. Denn während Trump anläßlich seiner Belobigung sagte; „Das war die größte Zuschauerzahl die jemals einer Amtseinführung beigewohnt hat“ war den Medien zu vernehmen, dass dies nicht stimmt. Trump erhob hierauf den Vorwurf, dass die Medien an Stellen gefilmt hätten, an denen wenig Menschen zu sehen gewesen seien. Auch da ging er wieder los: der Streit um Wahrheit bzw. Fakenews.

Menschen folgen den Meinungen von Influencern, sind in ihren Medienblasen mit Gleichgesinnten

Die Welt wird immer komplexer, und immer mehr Menschen scheinen müde sich mit Fakten auseinanderzusetzen, Argumente zu hinterfragen. Viele sind in ihren Medienblasen von Facebook und Co und nehmen die dort aufpoppenden Neuigkeiten eben als wahr. Viele schließen sich der Meinung von sogenannten Influencern, Vorbildern an. Dies auch wenn es viele anders lautende Meinungen gibt. Einfach weil es bequem ist.

Unsere eigene Vorstellung führt mitunter dazu, dass sich das Gegenüber dementsprechend verhält. Hat jemand in etwa den Stempel verrückt oder aggressiv zu sein, so ist es für den Betroffenen ganz schwer aus dieser „ Kiste“ wieder rauszukommen.

Es braucht Sachverständige, Ermittler die sich selbst den Sachverhalt und ihre eigene Expertise bilden.

Deshalb wäre es wichtig, dass ein jeder Sachverständige sich versucht sein eigenes Bild zu machen. Daher sein Urteil möglichst unvoreingenommen von den Vorexpertisen trifft. Es ist ebenso wichtig, dass sich bei einem Kriminalfall nach einer gewissen Zeit des Ermittlungsstillstands ein neues Team der Erhebung annimmt.

Ein Phänomen, aber auch Gefahr unserer Zeit ist aus meiner Sicht die der Mainstreambildung und Bildung von Pauschalaussagen wie: „Männer sind Täter, Frauen sind Opfer“ oder „Alle Ausländer sind gut und arm“ ( dies ist natürlich genauso Unsinn wie wenn ich sagen würde: „Alle Österreicher sind gut und arm.“). Nicht nur, dass dadurch die Menschen, die vordergründig geschützt werden sollen, geschwächt werden ( dies indem ich sie in eine passive Rolle dränge), sind derartige Aussagen als solches nicht wahr. Denn nur wenn eine größere Gruppe von Menschen die gleiche Ansicht vertritt, heißt dies noch nicht, dass diese wahr ist. Aus diesem Grund wird auch die sogenannte „Konsenstheorie“ in der Philosophie (und dies zu Recht) kritisiert. Nach der Konsenstheorie gilt etwas als wahr wenn eine Mehrheit von Menschen ( wobei unklar wie groß diese Menge zu sein hat) etwas für richtig anerkennt.

Zweifeln, Hinterfragen von Sachverhalten enorm wichtig

Der französische Philosoph Petrus Abaelardus meint hierzu: „Durch Zweifeln kommen wir nämlich zur Untersuchung, in der Untersuchung erfassen wir die Wahrheit“. Es müssen eben – und ist dies ein ganz wesentliches Element eines Rechtsstaates- alle Parteien angehört werden, die Fakten ermittelt werden. Der Austausch von Meinungen ist enorm wichtig, nur so können eigene Vorurteile und Einstellungen hinterfragt werden; und kann ein produktiver Denkprozess mit neuen Erkenntnissen stattfinden.

Viel Wahrheit ist jedenfalls auch im Witz verborgen. Meiner Meinung nach ist der Humor die schönste Art zu Selbsterkenntnis zu kommen.

https://www.zeit.de/2015/33/erinnerung-gedaechtnis-gericht-fehlurteil

https://www.berliner-zeitung.de/wissen/psychologie-erinnerungen-sind-truegerisch-25625130

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/falsche-erinnerungen-wie-unser-gedaechtnis-uns-truegt-a-1106007.html

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/wie-fotos-unsere-erinnerungen-manipulieren-koennen-a-1113050.html

https://www.zeit.de/kultur/2018-01/alternative-fakten-unwort-des-jahres-donald-trump

Cornelia Bruell2 Comments