Das war der Salon LÜGE

Die Lüge

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Sehr tief und sehr breit haben wir das Thema Lügen umkreist, denn es handelt sich tatsächlich um ein Phänomen, das schwer zu greifen ist. Wo beginnt die Lüge? Wäre ein Leben ohne Lüge möglich? Hier ein paar Einsichten:

200 Mal am Tag

Wir alle tun es täglich: nach manchen Statistiken sogar 200 Mal am Tag, je nachdem, was alles zur Lüge gezählt wird. Ist zum Beispiel die Antwort "gut" auf die Frage: Wie geht es Dir?, schon eine Lüge, wenn es einem tatsächlich schlecht geht?

Moral?

Ob die Lüge als moralisch verwerflich gilt, hängt von mehreren Faktoren ab: von der jeweiligen Kultur, dem historischen Zeitpunkt, dem Zweck einer Lüge und dem Kontext.

In der Antike zum Beispiel galt der Lügenkünstler, dem es mit List gelang, andere hinters Licht zu führen, durchaus als bewundernswert. So zum Beispiel Odysseus, der dem Zyklopen Polyphem sagte, er hieße "Niemand". Als er ihn schließlich geblendet hatte und Polyphem versucht, die anderen Riesen um Hilfe zu rufen, fragen diese: "Wer hat Dich geblendet?" - Er antwortet: "Niemand hat mich geblendet!". Die Riesen geben sich mit dieser Antwort zufrieden und gehen davon aus, dass nichts geschehen sei. 

Lüge und Intelligenz

In der Antike wurde das gezielte, vorsätzliche Lügen deshalb nicht unbedingt negativ beurteilt, weil der Lügner zumindest über eine gewisse Intelligenz und Geschick verfügen musste. Schließlich muss jener, der lügt, vorweg schon die Wahrheit kennen. Er kann und weiß also mehr als der, der nur die Wahrheit kennt. 

Das wahre Übel

Das wahre Übel sah Platon vielmehr darin, nicht zu wissen, ahnungslos zu sein oder ignorant. Die edle Lüge hingegen kann durchaus von zentraler Bedeutung sein, nämlich dann, wenn wir durch sie dem anderen, der zur Einsicht noch nicht fähig ist, die Wahrheit ersparen. Kindern zum Beispiel belügen wir, weil wir sie schützen wollen.

Lüge als Widerspruch

Vom Mittelalter bis zur Antike wurde die Lüge schließlich definiert als der Widerspruch zwischen Denken und Sagen. Wenn ich gezielt und mit Absicht etwas anderes sage, als ich denke, dann lüge ich. Dies gilt schon deshalb als verwerflich, weil das menschliche Sprachsystem auf vertrauen aufbaut. Wir unterstellen dem Anderen zunächst immer, die Wahrheit zu sagen. Frage ich zum Beispiel nach der Uhrzeit, gehe ich zunächst nicht davon aus belogen zu werden. Eine Lüge unterminiert somit zwischenmenschliche Kommunikation.

Wann darf ich lügen?

Nach Schopenhauer ist Lügen dann legitim, wenn es dem Schutz der Privatheit dient. Dann könnte ich sogar von einem Notwehrrecht sprechen. Wenn ich jemandem nicht mitteilen will, wie es mir tatsächlich geht, ist die Lüge zu meinem eigenen Schutz notwendig.

Naturrechtstheorien seit dem 17. Jahrhundert beurteilten die Lüge vor allem entsprechend ihrer Konsequenzen. Um eine legitime, sog. "weiße" Lüge handelt es sich dann, wenn durch die Lüge jemand vor Unheil bewahrt werden kann. Verstecke ich zum Beispiel im Keller Verfolgte, die getötet werden würden, sollte ich die Wahrheit sagen, dann ist es legitim an dieser Stelle zu lügen. Die Bewertung ist also abhängig von den Umständen und dem Kontext.

Kollektive Lügen

Die Lüge muss sich aber nicht unbedingt ausschließlich auf das Individuum beziehen. Es kann auch kollektiv ge- und belogen werden. Dann sprechen wir zum Beispiel von Manipulation, Ideologien oder dem falschen Bewusstsein. Heute finden wir dieses kollektive Belügen in fake news und alternative facts wieder. 

Wollen wir belogen werden?

Schwer zu unterscheiden ist hier, ob die Täuschung wirklich so einseitig passiert oder ob manche nicht bereitwillig belogen werden wollen. Nietzsche zum Beispiel ging davon aus, dass stärker vom "Willen zum Schein" als vom "Willen zur Wahrheit" getrieben ist. Wir ertragen den Schrecken des Lebens nicht, die brutale Realität, daher bevorzugen wir die Lüge, die uns Schmerz erspart. Heute würde man das vielleicht "willful blindness" nennen: wir glauben jenen, die eine schönere Welt zeichnen. Wir wollen die Defizite und Mängel nicht sehen. Wir beschönigen unser eigenes Profil auf Facebook, um die hässliche Realität nicht zeigen zu müssen.

Nietzsche fragte: "Wie viel Wahrheit erträgt, wie viel Wahrheit wagt ein Geist?" - Eine Frage, die wir uns dringend stellen sollten.

Ergebnisse des Salons

Schaden und Nutzen der Lüge

Ein Salongast stellte fest: die Lüge hat primär kurzfristig einen Nutzen. Wenn wir zum Beispiel einem Konflikt aus dem Weg gehen wollen, wenn wir Krisen vermeiden möchten. Doch längerfristig erweist sich die Lüge in ihren Konsequenzen, vor allem, wenn sie entdeckt wird, als äußerst schädlich. Lügen daher jene weniger, die langfristig denken? Und gilt dies auch für die Politik?

Der Vorsatz

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Für die meisten Salon Gäste gehört die Vorsätzlichkeit zur Lüge dazu. Denn, wenn ich mir einer Lüge nicht bewusst bin, sondern mich einfach nur irre, handelt es sich noch nicht um eine Lüge. Zudem muss ich mir der Wahrheit zunächst bewusst sein, um lügen zu kennen. Die Wahrheit geht der Lüge also zeitlich voraus.

Social Media als Orte der Lüge

Wir haben uns gefragt: wenn der Sprache die Annahme des Wahrsprechens inhärent ist, ist der social media Kommunikation dann primär die Annahme der Lüge inhärent? Wenn wir ein Profil sehen, ein Posting, gehen viele schon vorweg davon aus, dass es sich möglicherweise um eine Beschönigung handeln mag. Zumindest, dass es sich um einen so kleinen Teil der Wirklichkeit handelt, dass das Gesamtbild verzerrt wird. Hat sich also unser Vertrauen in den Menschen durch diese Art der Kommunikation von der positiven zur negativen Unterstellung umgekehrt?

Mangelndes Zutrauen

Lügen bedeutet auch, dem anderen die Wahrheit nicht zutrauen zu wollen. Die Lüge macht den anderen immer schwächer. Denn ich verfüge einerseits über einen Wissensvorsprung dem anderen gegenüber und zudem gehe ich schon davon aus, dass er die Wahrheit nicht ertragen kann. Derart wäre die Lüge nicht nur schädlich aufgrund ihrer Konsequenzen, sondern schon im Sinne der Pflichtethik falsch, weil sie den anderen herabsetzt.

Schlussendlich versuchten wir wieder den Begriff auf den Punkt zu bringen:

Lügen heißt...

  • bewusst in Abweichung zu meiner Wirklichkeit zu kommunizieren
  • bewusst Unwahrheit verbreiten
  • kränken, respektieren, schützen, verbessern
  • nicht die Wahrheit zu sagen / zu negieren
  • aktiv handeln (ist ein passives Lügen möglich?)
  • vorsätzlich eine Wirklichkeit zu erzeugen, von der man selbst nicht überzeugt ist

Unsere nächste Frage im Salon wird sein: Was ist Wahrheit?

Danke für die Diskussion! Und eine philosophische Zeit!