Das war der Salon zum "Ich"

Beim 12. philosophischen Salon ging es um das Ich und es war eine äußerst spannende Diskussion. Wir lasen vorweg zwei Kapitel aus Prechts "Wer bin ich und wenn ja, wie viele?".

Gogito ergo sum

Precht nimmt hier natürlich auf Descartes Bezug, der die berühmte These des "Cogito ergo sum" - ich denke, also bin ich - formulierte. Descartes war davon überzeugt, er könne zwar alles anzweifeln, aber im Moment des Zweifelns kann er sich einer Sache sicher sein: dass er denkt. Und wenn er denkt, dann muss es jemanden geben der denkt. So kann er sich seiner selbst gewiss sein.

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In der Philosophie Geschichte gab es viel Kritik an dieser Herleitung. Zum Beispiel vernachlässigt Descartes über Sprache nachzudenken. Was, wenn die Sprache, die ich doch brauche, um denken zu können, mir etwas vormacht? So kam Wittgenstein viel eher zum Schluss, dass das Ich rein sprachlich existiere.

Der Tod des Ich

Auch Ernst Mach hat im 19. Jahrhundert vehement widersprochen: er löst Descartes Dualismus (Geist vs. Körper) in einen Monismus auf. "Empfindungen gehen ALLEIN in der Welt spazieren" - hier wird alles auf Erfahrung und Wahrnehmung reduziert. Körper und Geist sind dabei eins. Das separierbare, isolierte Ich ist eine reine Illusion.

In unsere Diskussion kamen wir auch auf den Buddhismus zu sprechen, wo das Ich ebenso als Illusion wahrgenommen wird. 

Ich ist ein Anderer

Zudem stellt sich in Anlehnung an die Psychoanalyse (Rimbaud und Lacan: "Ich ist ein Anderer") die Frage, wie sehr das Ich ein reines Spiegelbild durch den Anderen ist. Das Ich entsteht immer schon im Verhältnis zum Du (Martin Buber). Brauchen wir das Ich vielleicht allein zur Abgrenzung zur Außenwelt? Ist es eine Hilfskonstruktion? Woher kommt das Selbstbild? 

Woher kommt das Ich-Gefühl?

Doch die interessante Frage, die sich trotz Bezugnahme auf Hirnforschung oder Psychologie immer noch nicht final beantworten lässt, ist: Wie entsteht das Ich-Gefühl? Wer oder was veranlasst, dass ich mich doch in einer gewissen Kontinuität empfinde? Ist es eine reine Geschichte, ein Narrativ, das ich mir erzähle?

Das Ich übersteigt seine Komponenten

Zu einer interessanten These kamen wir: was, wenn das Ich wie jede Gemeinschaft aus einer Summe von Einzelteilen besteht (Eigenschaften, verschiedene Ich-Zustände, das moralische Ich, das handelnde Ich, das fühlende Ich etc.), das Ganze aber die reine Summe übersteigt? Jedes Zusammentreffen von Komponenten übersteigt immer schon die Summe dieser Komponenten indem etwas Neues entsteht, das die Beschreibbarkeit der Teile übersteigt. Vielleicht übersteigt das Ich unsere sprachlichen Möglichkeiten, weil es mehr ist als Sprache und ebenso mehr ist als Körper, weil es ein Zusammenwirken all dieser Facetten ist und damit unbegreifbar wird.

Im nächsten Salon beschäftigen wir uns mit einer Frage, die in engem Zusammenhang mit dem Ich steht: Wie frei sind wir wirklich?

Ich freue mich auf die nächste Diskussion!

Philosophische Grüße