Verschwendung?

Verschwendung …

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Meist verbinden wir den Begriff mit einem negativen Werturteil. “Du sollst nicht verschwenden!” - ein Gebot für jeden, der etwas auf sich hält. Georges Bataille allerdings hat in seiner Theorie der allgemeinen Ökonomie einen alternativen Zugang entwickelt.

Verschwendung ist bei Bataille das Gegenteil von Nützlichkeit. Die Nutzenabwägung ist aber nicht, was das Leben erhält oder Kultur ausbildet. Ganz im Gegenteil. Jedes Lebewesen verfügt, laut Bataille, über mehr Energie, als es zum Überleben braucht. Sind die Möglichkeiten der Reproduktion und des Wachstums zu Ende, muss es diese Energie verschwenden.

"Aber der Druck ist da, das Leben erstickt sozusagen in seinen zu engen Grenzen, es strebt auf vielfältige Weise zu unmöglichem Wachstum, es setzt für mögliche große Verschwendungen ständig überschüssige Energien frei.“ (George Bataille)

In der Natur gibt es drei Arten der Verschwendung (Luxus): das Verzehren lebender Organismen, den Tod (als Verschwendung des Lebens) und die geschlechtliche Fortpflanzung - das erste entspricht dem Ende des Wachstums des Verzehrten und die letzten beiden dem Ende der Selbsterhaltung zugunsten des Neugeborenen.

So stellt Bataille einen unüberwindlicher Dualismus zwischen der zweckrationalen Produktion (Homogenität) und der zweckleugnenden Verschwendung (Heterogenität).

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"Von äußeren Einwirkungen auf das Leben (klimatischen oder vulkanischen Erscheinungen) abgesehen, macht die Ungleichheit des Drucks in der lebenden Materie ständig den Platz für das Wachstum frei, den der Tod hinterläßt. Das ist kein neuer Lebensraum, und wenn man das Leben in seiner Gesamtheit betrachtet, so gibt es eigentlich kein Wachstum, sondern nur eine Erhaltung des Gesamtvolumens. Das mögliche Wachstum reduziert sich also auf eine Kompensation vollzogener Zerstörungen.“ (George Bataille)

Bataille sieht diese Prinzipien der Natur auch in einer allgemeinen Ökonomie am Werken.

Wenn der Mensch diese Energie bewusst in Exzesse ventilieren kann (z.B. aztekische Menschenopfer), gewinnt er an Selbstbewusstsein. Wird die überschüssige Energie aber unterdrückt, mündet das in Krisen, Krieg etc. Diesen unterdrückten, geächteten Teil unserer Energieproduktion (also die Verschwendung dessen) nennt Bataille den „verfemten Teil“.

Beispiel Weihnachten

Manche haben den Anspruch, dass ein Weihnachtsgeschenk nützlich zu sein hat. Es soll etwas sein, das der andere wirklich brauchen kann. Dann werden Geschenke wie bei Amazon, nur über den Umweg eines handelnden Subjekts, bestellt. Aber sollte dieses kulturelle Fest des Gebens nicht eher dazu dienen, den Überschuss zu zelebrieren / zu ventilieren? Ein Fest des Schenkens ist die Ausnahme, der Bruch mit dem Alltag. Dies ist es allerdings nicht, wenn ich das, was ich mir ohnehin früher oder später angeschafft hätte, mir schlicht von einem anderen übergeben lasse.

So viel zu Bataille. Aber wie sahen das die Salongäste?

Perspektive

Zunächst fällt es nicht leicht, sich mit Batailles Verschwendungsbegriff anzufreunden. Meist verwenden wir den Begriff für Dinge, die vergeudet werden, obwohl sie jemand anderer brauchen kann. Auch Ressourcen zählen hierzu. Und dann kommt es auf die Perspektive an. Was der eine guten Gewissens ausgibt oder sich anschafft, ist für den anderen vielleicht schon zu viel. Es ist also ein kulturell, historisch und subjektiv relativer Begriff.

Das Ideelle

Zudem stellt sich die Frage: Macht es einen Unterschied, wenn ich den Begriff nicht auf Materielles, sondern Ideelles anwende? Kann ich Freiheit verschwenden? Kann ich Liebe verschwenden? Kann ich Glück verschwenden?

Auch hier können wir auf Bataille zurückgreifen. Ich betrachte dann etwas als verschwendet, wenn es eigentlich einen anderen Nutzen haben könnte, ich es diesem aber nicht zuführe. Dies lässt sich zum Beispiel auf den Freiheitsbegriff anwenden, wenn ich den Anspruch habe, meine Zeit, Ressourcen etc. “richtig” zu nutzen, es aber nicht tue. Dann könnte ich von verschwendeter Freiheit sprechen.

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Ähnlich verhält es sich bei der Zeit. Wir sprechen von verschwendeter Zeit, wenn wir mit dieser eigentlich etwas anderes machen hätten können - wieder: in Verbindung mit einem größeren, besseren Nutzen.

Interessant aber: bei Glück funktioniert dies nicht. Hier können wir an Aristoteles denken, der das Glück als ein Endziel und Selbstzweck definierte, das keinem weiteren Zweck dient. Weil das Glück nie einem andern Zweck zugeführt werden kann, kann es auch nicht verschwendet werden.

Glück kann nicht verschwendet werden.

Und bedeutet nicht gerade die “Verschwendung des Talents”, in höchstem Maße frei zu sein? Geht Verschwendung also mit Freiheit einher?

Ohne Nutzen

Ist also vielleicht gerade das, was am meisten Freude bereitet, was sich als Erinnerung in die eigene Geschichte schreibt, das Unnütze? Und wenn wir in der Terminologie Batailles bleiben: das Verschwendete? Ist es doch der Überschwang, der das Leben lebenswert macht?

Hier können wir mit den Worten Brechts enden, der in „Tage der Kommune“, nach dem Sieg der Arbeiter*innen über Bürgertum und Adel, einen älteren Kommunale sagen lässt:

„Denn wozu lebt man? Der Curé (Pfarrer) von Sainte-Héloise hat meiner Schwester zufolge die Frage beantwortet mit: für die Vervollkommnung seiner selbst. Nun wohl: was brauchte er dazu? Er brauchte dazu Wachteln zum Frühstück. (Zu dem Kind:) Mein Sohn, man lebt für das Extra. Es muss her, und wenn man Kanonen dazu benötigt. Denn wofür leistet man etwas? Dafür, dass man sich etwas leistet!“

Und zuletzt, wie immer die Salon-Synopsis der Gäste:

Verschwendung ist…

  • Freiheit des Tuns und Handelns

  • notwendig, fürs gute und schöne Leben

  • ein kulturelles Korrektiv, damit wir uns nicht umbringen

  • etwas, das von vornherein keinen Nutzen hat

  • in geschlossenen Systemen nicht vorhanden

  • immer und überall präsent

  • “Verschwenden kann nicht enden”

Ich wünsche also eine verschwenderische Weihnachtszeit (und gar nicht im materiellen Sinne!) und freue mich aufs nächste Mal!

Cornelia BruellKommentieren