Die Genialität von Globart oder wie Mikl-Leitner vor den Trümmern stand

Globart Academy 2017 - eine unglaublich tolle, inspirierende Veranstaltung an der Schnittstelle von Kunst, Philosophie, Gesellschaftskritik und -vision. Ich durfte heuer zum ersten Mal teilnehmen und komme definitiv wieder. 

 
Schauplatz Klangraum Krems

Schauplatz Klangraum Krems

Eröffnet wurde diese einmalige Veranstaltungsreihe Donnerstag Abend im Klangraum Krems von Heidi Dobner, Intendantin, und Wilfried Stadler, Präsident von Globart. Eigentlich hätte Peter Sloterdijk den Festvortrag (zum 20. Jubiläum von Globart) halten sollen, allerdings meldete er sich krank und der Vortrag wurde gelesen. Es gibt unterhaltsameres als einen Wortschöpfungsaufmarsch von Sloterdijk vorgelesen zu bekommen, muss ich gestehen.

Aber zurück zu den ersten Schritten in den Veranstaltungsraum - die Minoritenkirche: Gedränge, strategische Blicke, Menschen haben bei Veranstaltungen immer Angst nicht den besten Platz zu bekommen. Doch die jugendlichen Helfer_innen leiten die Menschen in einen verraucht-vernebelten Innenraum, die Sessel im Hauptschiff der Kirche sind aufeinandergetürmt, wild durcheinander gewirbelt, mit Absperrbändern versehen. Wir betrachten den Haufen von den Seitenschiffen aus - schnell wird klar, es handelt sich um einen reproduzierten Kriegsschauplatz. Drückende Musik, fast keine Sicht. Erst nachdem sich das Auge an die Dunkelheit gewöhnt, erscheinen schemenhaft am Boden liegend Kinderkörper - sie liegen unter den Sesseln begraben. Auf der Leinwand werden Bilder aus Kriegsgebieten gezeigt - Menschen in Leid und Gesichter voller Trauer. Eine imposante Installation! Sie verfehlt nicht ihre Wirkung.

 
Aufstehen aus den Trümmern

Aufstehen aus den Trümmern

Doch da taucht die Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner auf, zuvor hatte ich sie schon im Hofbräu bei der Oktoberfesteröffnung gesichtet, sie lässt sich vor dem Sesselhaufen und den gestürzten Kindern lächelnd fotografieren. Irgendwer hat hier irgendetwas nicht verstanden - der Blitz der Kamera zerreißt die finstere Installation wie das grelle Licht einer detonierenden Bombe. Welch schiefe Optik - oder vielleicht gewollt? Die Verfechterin der Festung Europas posiert stolz vor einer Kunst, die unseren Umgang mit dem Thema Flucht radikal infrage stellt. Gelungene Ironie! 

Auf Kommando erheben sich die Kinder langsam aus den Trümmern. Sie ziehen die eingestürzten Latten aus den Sesselhaufen und räumen auf - selbst. Ein schönes Bild für die Realität. Wieder folgt ein erschütternder Bruch zu dem, was erreicht werden soll: die ersten Besucher_innen stürzen sich, gerade erst wurden die Absperrungen entfernt, auf die ersten noch liegenden Sessel, um ja den besten Platz zu bekommen.

 
Kinder räumen auf

Kinder räumen auf

Die engagierten Helfer_innen versuchen, das Publikum zurück zu halten, um die Installation vollständig und ordentlich aufräumen zu können. Die Gier und Angst um das eigene Wohl im  westlichen Kapitalismus trotz unübertroffenem Wohlstand (gerade bei diesem Publikum) obsiegt. Das Organisationsteam sieht sich ratlos an. Am Ende gelingt es doch noch, die Ordnung wieder herzustellen - passend zum Thema der diesjährigen Globart Academy.

Sich nach einer solch gelungenen Aktion politische Eröffnungsstatements anzuhören, tut immer etwas weh. Leere Worte der Landeshauptfrau wie Demokratie, Verantwortung, Digitalisierung, sogar Selbstsorge (möchte nicht wirklich wissen, wie das gemeint war!) werden wild durcheinander gewirbelt. Der Sinn bleibt auf der Strecke. Auch wenn Wilfried Stadler unglaublich gekonnt und konkret Fragen stellt. Die Antworten wie immer: mehr und mehr des immer selben - ohne Sinn.

 
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Es folgt ein genialer Vortrag des Gobart Award Gewinners 2012 John Hunter - er spricht von Leidenschaften, auf Basis derer jeder Studienplan aufgebaut werden sollte; vom Mitgefühl in der Lehre; von kooperativer und kollektiver Weisheit.

Sloterdijks Vortrag wird vorgelesen - naja. Aber, auch bei ihm findet sich die Frage der Übersetzung von Theorie in Praxis und so auch der Bezug zur askesis - zur geistigen und körperlichen Übung der Antike, wie sie in der Philosophischen Praxis immer wieder Thema ist. Das Fehlen seiner Performanz hinterlässt trotzdem eine große Lücke.

So gut gemeint und gut gedacht diese Veranstaltungen sind und das sind sie!, ich spüre immer wieder, dass ein Teil des Publikums sich tatsächlich als Zusehende, am Rande stehende, betrachtet, obwohl die Vortragenden handlungsorientiert wirken wollen.

 
Lecture performance Böhler & Granzer

Lecture performance Böhler & Granzer

Immer wieder müssen wir uns also fragen, wie kann Berührung gelingen? Und immer wieder braucht es über das Gesehene, Gehörte und Erlebte einen Dialog. Denn Handeln ist immer gesellschaftlich, kollektiv, vernetzt - wenn wir uns aber nicht über die Inhalte austauschen, wird Handeln unmöglich, da auch das Denken isoliert bleibt. Auch bei der äußerst gelungenen lecture performance von Arno Böhler und Susanne Granzer mit Nietzsche Texten hätte gefragt werden können: Fühlen Sie sich von Nietzsche berührt? In welcher Weise?

So auch und vor allem bei der zugegeben großartigen Performance von Stefan Kaegi 100 Prozent, Partizipation und Interaktion zwischen Theater und Gesellschaft. Wir alle müssen uns immer wieder in Bezug auf kritische Fragen für eine Position entscheiden und so im Raum aufstellen. Doch das alles bleibt umkommentiert. Es soll nicht weiter darüber gesprochen werden. Aber wie wichtig wäre es, darüber zu sprechen, warum gerade die junge Generation sich auf die Seite der Verteidiger von Kreuzen in Klassenzimmern und dem Verbot von Marihuana stellt? Es fehlt der anschließende Dialog, die Debatte. 

Stets weichen wir bei öffentlichen Veranstaltungen, vor allem Kulturveranstaltungen, der Debatte aus. Warum nicht Mikl-Leitner fragen, wie sie sich angesichts ihrer Politik vor dieser Installation fühlt? Empfindet sie ein Infrage stellen, einen performative gap? Eines ist klar, wir müssen uns dieser Aufgabe zentral widmen.

Es braucht eine neue Debatten- und Streitkultur.

Cornelia BruellComment