Ein Tag offline

Ein Digital Detox Experiment

Cornelia Bruell

Es trug sich zu, dass im Philosophischen Salon zum Thema Homo digitalis eine Herausforderung formuliert wurde: ein Tag ohne Handy und Computer - komplettes Offlinesein. Um es etwas leichter zu machen, v.a. beruflich, einigten wir uns auf Samstag. Nicht zu leicht, nicht zu schwierig - naja, hier das Ergebnis.

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Samstag, ich stehe auf. Das Handy liegt am Tisch und schweigt. Ich frage mich, was darin vorgeht. Ein erster Moment des Bruchs und des Wahnsinns: Kaffeemachen ohne dabei zu checken, ob Emails oder Nachrichten eingegangen sind. Hat sich in der Nacht etwas Weltbewegendes getan? Vielleicht kommt gerade heute die lebensverändernde WhatsApp Nachricht herein. Der Kitzel ist jedes Mal groß in den Morgenstunden beim ersten Anblick des Handybildschirms und dem Beobachten der kleinen Zahl in Rot, die sich unaufdringlich am Rande der grünen Icons befindet.

All dies wird heute nicht passieren. Auf dem Tisch liegt ein großes, gut behütetes, Geheimnis.

Ich weiß, die Datensucht wird heute nicht befriedigt werden und ich gerate ins Schwitzen. Ich werde nicht wissen, wie viele meine Website besucht haben; welche Inhalte am meisten begeisterten; wie lange die Verweildauer jedes Einzelnen im Schnitt beträgt; aus welchen Ländern die Interessierten stammen. - Ablenkung ist gefragt. Doch schon beim Kaffe folgt die nächste Schwierigkeit: kein Spotify! - Der Plattenspieler wird also angeworfen.

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Manchmal greife ich es an - die Welt im Kasten - einfach so, reflexartig.

Es ist ein verregneter Tag, also fällt die Entscheidung auf Kino. Doch das Programm, das ursprünglich mit der Post kam, wurde längst entsorgt - ist ja alles online. Nicht heute. Wie also davon erfahren, was gespielt wird? Anrufen geht nicht - erstens ist noch niemand da und zweitens gibt es kein Telefon. Also, wir müssen in die Stadt, das Programm gibt es beim Eingang des Kinos zur freien Entnahme. Der Offline Status fordert also die erste Bewegung ein.

Beim Einkaufen trennen sich unsere Wege und nach der Verabschiedung dämmert mir, dass wir keinen weiteren Treffpunkt vereinbart haben. Ich muss also detektivisch rekonstruieren, in welche Richtung sich die andere Seite wohl bewegen könnte, um den anderen den Weg abzuschneiden und so ein Wiedersehen zu ermöglichen. Eine Denkleistung, die normalerweise vom Smartphone, einer Friends App oder der Möglichkeit des Anrufs übernommen wird.

Kontrolle weicht dem Vertrauen.

Klüger als zuvor wird ein Treffpunkt vereinbart, auf dessen Einhaltung man sich voll und ganz verlässt. Etwas anderes bleibt einem schließlich auch nicht übrig. Ein angenehmes Gefühl, muss ich gestehen. 

Im Kino denke ich die ganze Zeit: ich muss mein Handy ausschalten. Es fühlt sich an, wie der Phantomschmerz eines längst entfernten Körperteils. Manchmal sehe ich auf die Uhr in Gedanken an den nächsten Tag und wie es sich anfühlen wird, wenn ich endlich mein Informationsdefizit ausgleichen kann.

Der Gedanke an die Online Welt tauch vor allem in Leerzeiten auf.

Am Klo, beim Warten an der Kasse, im Auto am Beifahrersitz, beim Kochen, wenn gerade nichts zu tun bleibt. Erst jetzt wird mir bewusst, wie viele meiner Blicke sich täglich im Netz herumtreiben.

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Wieder zuhause nehme ich tatsächlich einen Stift in die Hand und notiere die ersten Erlebnisse meiner digital detox Erfahrung. Natürlich erst, nachdem ich sogar meine Kinder gefragt hatte, ob ich beim Zugspielen mitspielen dürfte - vor lauter Langeweile. Und sie höflich mit den Worten ablehnten: "Morgen darfst Du mitspielen, da haben wir noch nichts anderes vor" - um meine Gefühle nicht zu verletzen. Ich fühle mich trotzdem zurück gewiesen. Mit Facebook wäre mir das nicht passiert.

Den Abend mit einem Buch zu beschließen fällt mir nicht schwer, das ist schließlich so üblich, doch unüblich ist, den Tag zuvor nicht mit einem Streifzug durch das Netz ausklingen lassen zu können. Der kontrollierende und gefühlsmäßig informative Blick über letzte Postings, Emails, Anmeldelisten, Newslettereintragungen und Website Statistiken. All das fehlt heute und es fehlt tatsächlich - eine gewisse Unvollständigkeit und Leere macht sich bemerkbar. 

Allerdings auch etwas anderes: eine intensive Wahrnehmung und Nähe zum Selbst - ein auf sich geworfen und gestellt Sein.

Ein Sein ohne digitale Hilfskonstruktionen und Werkzeuge. Und mir wird bewusst: das war nur ein Bruchteil dessen, was möglich wäre - ich beschließe also eine Fortsetzung...

 

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