dis - digitale identitätsstörung

dis ist ein Projekt von Lukas Hofmann und Christine Seblatnig, das im Rahmen der Nacht der Philosophie 2017 entwickelt wurde, in der Folge aber darüber hinaus reicht. Die dazugehörige Facebook Seite kann jederzeit besichtigt und auch zur Interaktion genutzt werden.

Video und Text von Lukas Hofmann und Christine Seblatnig

Im Video wird der Schaffensprozess des Projektes dis - digitale identitätsstörung bis zur Präsentation im Rahmen der Nacht der Philosophie am 30.5.2017 im Museumsquartier bruchstückhaft dargestellt. Während im Video zwar bereits erste Bezüge zur inhaltlichen Auseinandersetzung des Projektes mit dem Thema „digitale Identität“ aufgezeigt werden, wird dem konkreten Inhalt jedoch noch bewusst kaum Bedeutung zugemessen, um den Wandel von Informationsrezeption im digitalen Raum und digitaler Kommunikation seit dem digital turn aufzuzeigen, wo es zu einer Bewegung weg von einer explizit inhaltlichen Auseinandersetzung, hin zu einer Auseinandersetzung mit den Bezügen einer Information gekommen ist, was eben genau zu dieser (auch im Film stilisierten) Marginalisierung des Inhaltes von Informationen per es beiträgt.

Auf der Facebook-Seite schließlich kommt dem Inhalt zentrale Bedeutung zu: Hier tritt die dem Projekt inhärente Institutionskritik insofern zu Tage, als dass den ansonsten auf Facebook oftmals „inhaltsleeren Inhalten“, die kommuniziert werden, bewusst komplexe Inhalte über digitale Identität und den digitalen Raum gegenübergestellt werden. Im Zuge dessen wurde ein philosophisches Konzept entwickelt, das -  entgegen vieler sonst bekannter philosophisch-theoretischer Abhandlungen über Gesellschaftskonstruktionen, welche den digitalen Raum nicht inkludieren (bzw. aufgrund der Art ihrer Argumentation nicht inkludieren können) - dezidiert eben diesen in eine grundphilosophische Abhandlung miteinbezieht. Durch die Auseinandersetzung mit Texten/Textausschnitten unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen (Soziologie, Philosophie etc.), darunter Wittgenstein, Byung-Chul Han, Felix Stalder, Foucault etc., konnte ein multidisziplinärer Zugang zu der Thematik geschaffen werden und so auch Querverweise zu unterschiedlichen Kunstsparten (z.B. Musik - Drone, Literatur – Thomas Bernhard etc.) hergestellt werden.

Daraus ist schließlich ein Konzept entstanden, das bestimmten Räumen und Menschen Regelwerke zuschreibt, welche als Werkzeuge menschlichen Handelns und Kommunikation verstanden werden. Durch die Unanwendbarkeit von bereits bestehenden Regelwerken des analogen Raumes im digitalen Raum, ist es folglich nicht möglich, gesellschaftliche Konzepte wie Moral, Privatsphäre, Öffentlichkeit, Zeit etc. direkt in den digitalen Raum zu übertragen. Das fehlende Bewusstsein über eben diese Unübertragbarkeit von Regelwerken (sie müssten für den digitalen Raum nämlich über-setzt und nicht über-tragen werden), muss in Folge zu einer “digitalen Identitätsstörung” führen.

In der im Rahmen der Nacht der Philosophie abschließenden Reflexion aller präsentierten Projekte wurde schnell ersichtlich, wie bewegend und bedeutend die Thematik für alle Teilnehmenden ist:  Ein heutzutage unausweichliches Themenfeld, mit dem sich die Gesellschaft auseinandersetzen muss. Nicht nur ist es unausweichlich, es hat sich zu einer Art “Perpetuum mobile” entwickelt, welchem sich der Mensch ausgesetzt fühlt (z.B. “Big Data”: Zwar wurde dies vom Menschen geschaffen, zugleich kann es der Mensch aber nicht fassen, nicht verstehen, indem Dinge berechnet werden können, die dem Menschen unmöglich sind.) Ebenso konnte eine starke emotionale Aufladung dieses Themas festgestellt werden, sowohl positiv, im Sinne der Auswirkungen von ubiquitärem Wissen, als auch negativ, im Sinne einer Abwendung vom Menschen/Individuum, hin zu Technologie/Geräten. Die Über-forderung des Mediums scheinen jedoch alle Positionen gemein zu haben: Die weitreichenden Veränderungen, welche dem Menschen, dem menschlichen Verhalten durch  Digitalität unausweichlich aufgezwungen werden, sind zwar bereits spürbar, können jedoch (noch) nicht gänzlich realisiert werden, da das digitale Medium sich – ganz nach dem Moore’schen Gesetz -  weitaus schneller entwickelt als es vom  Menschen verarbeitet werden kann.