Philosophischer Salon: Wahrheit?

Letzter philosophischer Salon vor der Sommerpause und es war ein Ereignis. Spontan verlegte ich den Salon nach draußen, es war einfach zu schön, zu warm, und wir genossen die Atmosphäre des Seminarbogens, neben uns vom Rauschen des Bächlein begleitet. 

Alle hatten brav den Text gelesen, so konnten wir direkt in den Parrhesia Begriff, wie er von Foucault interpretiert wurde, einsteigen, bevor wir die Diskussion auf heutige Zustände hin lenkten. Es gelang uns genau das, was man sich von einem Philosophischen Salon erwünscht: wir umkreisten den Begriff in Beziehung zu Phänomenen, schärften unser Denken daran und drangen immer Tiefer ins Verstehen vor.

Parrhesia wird bekanntlich mit "alles sagen" oder "wahre Rede" übersetzt. Ein/e ParrhesiastIn ist jemand, der öffentlich spricht und dessen Sprechen verstört, provoziert, weil es aus der Überzeugung der Wahrheit kommt. Die Wirkung kann nicht vorhergesehen werden. Daher öffnet das parrhesiastische Sprechen. Diese Art des Sprechens ist immer mit einem Risiko verbunden. Sokrates wurde dafür getötet, ebenso Giordano Bruno. Wo sind heute die ParrhesiastInnen, fragten wir uns - ebenso wie es Foucault tat.

Dieses Sprechen hat mit Mut und auch mit Freiheit zu tun. Sich die Freiheit zu nehmen, gegen die Konvention und die Berechnung, zu sagen, was man für wahr hält. Dabei handelt es sich bei dieser Art des Wahrsprechens immer schon um eine geteilte Wahrheit. Nicht die subjektive, die aus dem Bauch heraus und rein auf Gefühl basierend, heraus platzt. Vielmehr handelt es sich um eine intersubjektive Wahrheit, die viele empfinden, denken, aber niemand spricht sie aus. (vielleicht Armin Wolf?)

Wir kamen zum Schluss, dass es die EINE Wahrheit schon lange nicht mehr gibt. Und auch wenn es sie nie gab, so gab es jene, die die EINE Wahrheit verteidigten: Religionen, politische Parteien, Ideologien. Heute sind die Wahrheiten allerorts plural. Damit sind aber viele überfordert und schließen sich daher wieder in Blasen ein, um etwas Stabilität und Sicherheit zu gewinnen. 

Auch wenn wir froh sein können, dass kaum noch jemand von der EINEN absoluten Wahrheit spricht, so wäre es doch bitter nötig, sich über Wahrheiten im Plural in einer geteilten, kritischen Öffentlichkeit austauschen zu können. 

Der Trend der Faktenchecks bis hin zu Mateschitz "Quo vadis veritas?" zeigt, dass die Lüge oder Unwahrheit als ein Problem empfunden wird. Politisches Sprechen richtet sich zunehmend auf das Ziel und die Wirkung, als auf das, was inhaltlich kommuniziert werden soll. Auch wenn es sein mag, dass dies früher nicht anders war, so gab es doch, wie Foucault aufzählt, die KritikerInnen, die PolitikberaterInnen, die Intellektuellen und Revolutionäre, die auch an die Ohren der PolitikerInnen drangen. Wo sind diese heute? Flüstern in diese Ohren nur mehr SophistInnen und Coaches?

Es gibt noch genug Fragen - wir machen weiter! Nach dem Sommer! Habt eine schöne philosophische Zeit!