Interview: Digitalität?

Philosophie im digitalen Zeitalter

Frei oder unfrei?

(Anlässlich der Nacht der Philosophie, am 30. Mai 2017, MQ, Raum D 19:00)

Ein Interview mit Cornelia Bruell
von Marion Fugléwicz-Bren (http://die-philosophen-kommen.at)

Marion Fugléwicz-Bren: Nicht nur unser privater Alltag, auch gesellschaftliche und politische Prozesse sind zunehmend von digitalen Technologien geprägt. Stichworte Datenschutz, Virtualität, Überwachung etc. Was bedeutet das für uns? Ist das positiv oder negativ zu werten (und wenn ja, wie viele :-)? 

Cornelia Bruell: Ich glaube nicht, dass wir so pauschal über „negativ“ oder „positiv“ urteilen können. Es stellt sich immer die Frage: in Bezug worauf? Ich denke, dass sich die menschliche Handlungsfähigkeit, aber auch das Denken durch die Digitalisierung aller Lebensbereiche verschiebt. Es gibt hier so viele Facetten, dass ich nur ein paar heraus picken kann. 

Viele schätzen die Möglichkeit der globalen Kommunikationsmöglichkeit über große geografische Distanzen hinweg. Soziale Beziehungen können so über Jahre, zumindest auf einem bestimmten Niveau, aufrecht erhalten werden. Andererseits verlangt uns die permanente Kommunikationsbereitschaft auch einiges ab, entpuppt sie sich doch als Zwang tatsächlich erreichbar sein zu können. Einerseits muss ich für andere erreichbar sein, andererseits kommt es einem Verlust an Identität bis hin zu jenem der Existenz nahe, wenn ich lange nichts von mir in den social media hören lasse. Viele empfinden das, als würden sie aus der Welt heraus fallen. Das heißt, der Weltbezug hat sich zu einem großen Teil digitalisiert. Natürlich führt dies auch, nicht nur und ausschließlich, zum Verlust anderer phänomenologischer Kompetenzen. Zum Beispiel in Bezug auf non-verbale Kommunikation: leiblicher Kontakt, Körper, Mimik, Gestik etc. Letztere Kategorien spielen bei digitaler Kommunikation eine untergeordnete Rolle. Der Mangel solcher Kommunikationsformen führt nicht selten zu Missverständnissen. 

Zudem fällt die Schranke des Respekts. Byung-Chul Han bezeichnet den neuen Menschen (den homo digitalis) einen „anonymen Jemand“. Wir sind „jemand“, weil wir etwas sagen können/dürfen und uns damit sichtbar machen; uns in zumindest dieser speziellen Welt verorten. Gleichzeitig vermittelt die Kälte und Unfassbarkeit des Mediums eine Anonymität, weil ich nicht unmittelbar, in Fleisch und Blut einem anderen konkreten Menschen gegenüber stehe. Der möglichen Reaktion wird damit Brisanz und Unmittelbarkeit genommen. Dadurch fühlen sich viele sicher und artikulieren auf eine Art und Weise, die von Angesicht zu Angesicht völlig ausgeschlossen wäre (hate speech).

Marion Fugléwicz-Bren: Schaffen die neuen Technologien Platz für das Eigentliche, den Menschen mit seinen lebensweltlichen Interessen und wachsenden (digitalen) Einflussmöglichkeiten oder ist es vielmehr so, dass unsere vermeintliche Freiheit massiv bedroht ist? Beispiel: Im Netz entscheiden wir nicht frei, sondern folgen oft dem sozialen Sog. 

Cornelia Bruell: Freiheit ist hier ein zentrales Thema. Natürlich stellt sich die Frage der freien Entscheidungsmöglichkeit schon seit Jahrhunderten, vor allem in Verbindung mit dem Politischen und in Zusammenhang mit der Frage, welche gesellschaftliche Ordnung wir wollen. Allerdings stellt sich heute immer brisanter die Frage, wie sehr wir uns als frei handelnde und wählende Individuen wahrnehmen und wie sehr dies tatsächlich der Wirklichkeit entspricht. Schon Rousseau beginnt seinen Gesellschaftsvertrag 1762 mit den Worten: „Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten.“ Nach den emanzipatorischen Bewegungen müsste man heute vielleicht sagen: „Der Mensch hat sich frei gekämpft und überall liegt er in Ketten.“

Die Freiheit, die uns heute meist aus kapitalistischer Perspektive als Wahlfreiheit innerhalb eines unerschöpflichen Angebots präsentiert wird, also die Freiheit zu konsumieren, hat die Freiheit politisch informiert und reflektiert entscheiden und handeln zu können, fast vollständig ersetzt. Die Digitalität unterstützt das Gefühl der unmittelbaren Verfügbarkeit von allem zu jeder Zeit. Dieses Gefühl der uneingeschränkten Zugänglichkeit verdeckt zwei schwerwiegende reale Einschränkungen: (1) sowohl Algorithmen als auch zielgerichtetes Marketing und sogar wir selbst schränken die Wahlfreiheit de facto erheblich ein. Es entstehen selbst- und/oder fremdbestimmte Blasen, innerhalb derer wir uns bewegen. (2) Die Freiheit innerhalb der Markt-Demokratie verdeckt die Unmöglichkeit der Infragestellung des Gesamtsystems und damit die Ketten, die uns das System auferlegt. Stichwort Wettbewerbsideologie, Perfektionierungszwang, Erneuerungs- und Innovationsterror. 

Marion Fugléwicz-Bren: Wie frei ist der heutige Mensch in seiner Entscheidung? Und ist seine vermeintlich freie Zustimmung zu einer Sache eine gute Grundlage, diese Sache für legitim zu erklären? Nehmen wir Facebook als Beispiel: Ist das, was Facebook mit unseren Daten macht, legitim, nur weil die Nutzer formal ihre Zustimmung dazu geben? 

Cornelia Bruell: Auch diese Frage der Legitimität ist eine sehr zentrale. Zunächst liest schon mal niemand die Allgemeinen Geschäftsbedingungen bevor er zustimmt. Viel zu kompliziert, viel zu aufwendig. Nun könnte geschlossen werden: die Informiertheit ist Bringschuld der aufgeklärten BürgerInnen. Allerdings sind sehr wohl viele Prozesse im Hintergrund äußerst intransparent und es erfordert ein erhebliches technisches Wissen und auch das Erlernen einer gewissen Sprache, um wirklich fassen zu können, was alles mit den gelieferten Daten angestellt werden kann. Und natürlich stellt sich hier eine ethische Frage, wie mit den Möglichkeiten, die die Technologie bringt, umgehen. Müssen und können wir alles realisieren, nur weil es technisch möglich ist?

Wie vielen ist bewusst, dass permanent ihr genauer Standort lokalisiert werden kann, wenn sie auf der Bankomat oder einer anderen Clubkarte die NFC Technologie (Near Field Communication) freischalten ließen, nämlich viel genauer, als es jedes GPS Signal kann. Und wer ist sich darüber hinaus bewusst, dass dies tatsächlich genutzt wird, um Metadaten produzieren zu können und diese dann über den Datenhandel teuer verkauft werden.

Und natürlich stellt sich nicht zuletzt die Frage: wie frei sind wir wirklich, wenn machthabende Institutionen über alle unsere Handlungen Bescheid wissen. Wer jetzt sagt, er hätte nichts zu verbergen, hat eindeutig aus der Geschichte nichts gelernt.