Warum Platon Kurz nicht zum Kanzler machen würde

Die Tyrannei der Massen

Bekanntlich stand Platon der Demokratie skeptisch gegenüber - ein ziemlicher Gemeinplatz. Es lohnt sich allerdings sein Argument näher zu beleuchten, lassen sich doch Schlüsse für den anstehenden österreichischen Wahlkampf und die Kanzlerfrage ziehen. 

In den Augen Platons bedeutet Demokratie die Tyrannei der Massen. Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass die demokratische Masse in gleichem Maße jene Tugenden entwickeln wird, die für die Ausübung der Staatskunst notwendig sind. Aristoteles gibt zudem zu bedenken, dass auch in der Demokratie stets Interessenpolitik betrieben wird, nur hier eben an den Interessen der Armen ausgerichtet, weil die Masse im Staat meist arm ist. Auch im demokratischen Staat gibt es damit keine Gerechtigkeit und keine Gleichheit.

Diese Skepsis gegenüber der Demokratie hat natürlich einen, aus der damaligen Zeit nachvollziehbaren, aristokratischen Touch und es gibt viele Argumente gegen diese Vorbehalte und für die Demokratie. Platon hat aber einen sehr interessanten Aspekt der Demokratie beschrieben, der oft vernachlässigt wird, der sich aber wunderbar in die Analyse der Symbiose von Demokratie und Kapitalismus einfügt.

Das demokratische Subjekt

Das demokratische Subjekt ist laut Platon ein Mensch des Genusses. Der/die DemokratIn will überall und zu jederzeit genießen können. Freiheit steht über allem und damit die unmittelbare Verfügbarkeit von allem, was gerade begehrt wird (realisiert in der kapitalistischen Demokratie, die Platon damit visionär voraussah). 

Die Demokratie sei eine „anmutige und regierungslose und buntscheckige Verfassung, welche gleichmäßig Gleichen wie Ungleichen eine gewisse Gleichheit austeilt“ (Politeia, 558c). Simmel beschreibt dies anhand der Mode: alle sind gleich und versuchen sich gerade deshalb über den Konsum vorübergehende Einzigartigkeit zu erkaufen. Was immer nur sehr kurzfristig möglich ist, weil die Gleichmacherei einen schnell wieder einholt. Gleich und doch individuell - Bedürfnisse, die besonders im demokratischen als auch kapitalistischen Kontext gelebt werden: schlussendlich gipfelnd im "Kommunismus des Geldes" (Simmel). Geld ist neutral, macht alle und alles gleich - institutionelle Gleichheit, die gleich und ungleich absorbiert. 

Das platonische demokratische Subjekt entspricht also einem sich in allen Lebenslagen austobenden und ausprobierenden Teenie. Im Namen der Jugend, der „Modernisierung“ und der permanenten Erneuerung regieren jene, die die Zirkulation des Geldes am Laufen halten wollen (vgl. Badiou 2012). "Die Alten" besitzen zwar die Weisheit, dass es darum nicht gehen kann, verfügen aber weder um Stimme noch die Macht dies zum Ausdruck zu bringen. 

Neu, dynamisch, jung - und?

In der Demokratie wird die Jugend verherrlicht, der vorschnellen Begeisterung aber nicht misstraut. „Im Demokratischen liegt etwas wesensmäßig Juveniles, etwas, das mit einer universalen Infantilisierung zu tun hat.“ (Badiou 2012: 18) In einer solchen Welt setzen „die Alten […] sich unter die Jugend und suchen es ihr gleichzutun an Fülle des Witzes und lustiger Einfälle, damit es nämlich nicht das Ansehen gewinne, als seien sie mürrisch oder herrschsüchtig“ (Platon, Politeia 563ab).

Auch die ÖVP will sich verjüngen. Die „neue“ Liste mit „dynamischen“ ProtagonistInnen, die „frischen Wind“ in die Partei und die Programme bringen. Das Diktat der Jugend - Leben im hier und jetzt - alles im Moment. Aber genügt für die hohe Kunst der Staatsführung ein junges Aussehen, brillante Rhetorik und jugendlicher Mut? Hauptsache neu, Hauptsache frisch, Hauptsache jung. 

Aber was ist mit Erfahrung? Platons Ausbildungsprogramm für den/die ideale Herrscher/in (und nacht Platon können dies durchaus Frauen sein) dauert lang. Erst wenn sie die Idee des Guten erkannt haben und die Bedeutung des Gemeinwohls über jenes des Einzelnen stellen, sind sie in der Lage gut zu regieren. In Kurz’ Alter würde gerade das fünfjährige vertiefte Philosophiestudium beginnen. Danach müsste er sich 15 Jahre lang Führungsqualität in unterschiedlichen Ämtern erarbeiten, bevor er als 50-jähriger endlich in die Regierung wechseln darf. Wer kennt nicht die Verschiebung der Perspektive, die sich erst mit den Jahren einschleicht und den Blick auf die Varianz von Lebensstilen und Prioritäten eröffnet?

Zugegeben, Platons Staat trägt totalitäre Züge. Dennoch sollte die Frage nach Kompetenz, Umsicht und Regierungsverantwortung immer wieder gestellt werden, bevor die Karte der Jugend zu schnell sticht. 

Literatur:
Platon, Der Staat (Politeia), Reclam 1982.
Alain Badiou, Das demokratische Wahrzeichen, in: Agamben, Badiou et al., Demokratie? Eine Debatte, 2012.