"Idiopragie" - oder Platon gegen das Multitasking

Haben Sie schon gefunden, worin sie gut sind und was sie gerne tun? Suchen wir nicht unser Leben lang, von Studium zu Studium, von Lehre zu Lehre, von Beruf zu Beruf, genau danach? Verschwenden wir nicht Jahre des Suchens und des Gefühls, nicht am richtigen Ort zu sein? Ist dies wirklich notwendig? Und wie kommt es dazu?

Multitasking ist das Stichwort unserer Zeit. Effizienz - möglichst viel in möglichst kurzer Zeit erledigen zu können. Auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Und: in ALLEM gut sein! Das sind unsere Imperative. Platon nannte das übrigens die „Vieltuerei“ und die „Fremdtuerei“ (wenn z.B. Ämter mit völlig fachfremden Menschen besetzt werden, weil es parteipolitisch gerade opportun ist).

Welche Rollen müssen wir nicht mit Perfektion erfüllen: Elternschaft, Karriere, am besten noch Selbstanbau von Gemüse, ein sinnvolles Hobby, Sport, ehrenamtliche Tätigkeit - juchhe es kann einfach nicht genug an Aktivität sein. Spätestens seit der protestantischen Ethik ist jedes Sitzen und Verweilen eine Sünde. Gleich erkennt man daran, dass es sich nicht um einen erwählten Geist oder eine gerettete Seele handelt. Daher arbeiten wir uns den A ab, um ein Zeichen zu setzen, für unsere Auserwähltheit und die Garantie auf einen Platz im Jenseits (auch wenn nicht immer bewusst). Wunderbar hat sich dieser Ethos mit der kapitalistischen Logik verknüpft.

Aber warum schauen wir nicht zurück zu Platon (die Ideenlehre können wir erst mal außen vor lassen). Idiopragie - das Prinzip des „Tun des je Eigenen“. Wie wird das heute genannt? Ach ja, Potenziale erkennen - grins. Auch schon ein alter Hut, wie man sieht. Aber ja, genau darum geht es: 

„Wir nahmen aber doch an und wiederholten es […], dass jeder Einzelne nur eines der auf die Stadt bezüglichen Geschäfte treiben dürfte, nämlich das, wozu er von Natur besonders beanlagt sei. […] Dies also scheint, wenn es auf eine bestimmte Art geschieht, die Gerechtigkeit zu sein, nämlich dass man das Seinige tut.“ (Platon, Politeia 433a) 

Gerecht ist, wenn jede/r genau das tun kann, was ihm/ihr Glück beschert. Meist, und ich glaube mit fortschreitendem Alter werden viele zustimmen können, handelt es sich dabei um eine Tätigkeit, die nicht nur erfüllend ist, weil sie den eigenen Interessen entspricht. Nein, es handelt sich tatsächlich meist um Tätigkeiten, innerhalb derer wir zumindest das Potenzial der Perfektion erkennen. Wir können uns darin verwirklichen, weil es sich so anfühlt, als ob es richtig wäre. Wir sind gut darin. Dies zu erkennen, nämlich um welche Tätigkeit es sich dabei handelt, fällt wahnsinnig schwer. Das ganze Leben verbringen wir damit. Aber warum?

Weil wir in unserem Bildungssystem vom Wissen unserer Fähigkeiten und dem selbstverständlichen Zugang zur freudvollen Tätigkeit in der Kindheit durch Gleichmacherei und Normierung zu Tätigkeiten gezwungen werden, die unseren Geist und unsere Lust völlig zerstören. 

Weil wir im Laufe unseres Lebens kaum die Möglichkeit bekommen, möglichst viel und möglichst breit, uns auszuprobieren. Die Schulcurricula sind so eng gestrickt, dass sie selbst einem Erwachsenen, der ohnehin nicht mehr viel an Entfaltungs- und Freiheitsdrang aufweist, die Kehle zuschnüren. Das Entdecken und lustvolle Lernen wird im Keim erstickt (siehe Hüther). Doch irgendwie lässt sich das Innere, das Daimonion (bei Sokrates und Platon die innere Stimme), doch nicht ganz zum Schweigen bringen. Es lässt uns einfach nicht in Ruhe. Besteht nicht immer die kleinste Hoffnung auf  Selbstverwirklichung in einer Tätigkeit, die ganz die unsere ist?

Ja! Platon war davon überzeugt. Ein Staat wäre gerecht, wenn er genau dafür Sorge tragen würde, dass jede/r genau das täte, was ihr/ihm entspricht. Das gilt natürlich genauso für Geflüchtete. Das bedingungslose Grundeinkommen (bei Platon die Besitzgemeinschaft) wäre eine Voraussetzung dafür, genauso wie ein völlig auf den Kopf gestelltes Bildungssystem. Ausrichtung an dem, was Kinder gut können und was sie gern tun. Nicht am Mangel dessen, was sie nicht können oder ihnen schwer fällt. 

Wer ist sich heute dessen bewusst? Die Kinder. Philosophiert man mit Kindern über das Thema Gerechtigkeit oder Arbeitsteilung wird immer am Ende heraus kommen: jede/r soll machen, was er/sie gut kann und gerne tut. So einfach ist es. Und wenn jetzt jemand argumentiert, ach die Realität ist eben anders und das geht eben nicht - doch! Es geht eben schon. Und wenn der Staat / die Gesellschaft momentan nicht so beschaffen ist, dass dies möglich wird, dann ist sie eben ungerecht. Und wir müssen sie neu denken. So einfach ist es. Und Punkt.

Dr. Cornelia BruellComment