Der "Glühbirnen-Effekt" oder schöne kleine Blasenwelt

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Im Dezember trug es sich zu, dass sich eine ambitionierte Bürgerin und Beobachterin der kleinstädtischen  Weihnachtswelt in einer eben diese Stadt betreffenden Gruppe über ausgefallene Glühbirnen eines Ringelspiel echauffierte. Natürlich drängen sich hier Fragen auf. Warum wird dies in einem Forum beansprucht statt beim Betreiber selbst? Wen stören ein paar ausgefallene Glühbirnen in der Überfülle eines bis zur Dekadenz berstenden Christkindlmarkts? Doch die drängendste Frage ist wohl, warum fühlen sich so viele Menschen bemüßigt, diese Beanstandung zu kommentieren? - 82 Kommentare fanden sich dort zum Zeitpunkt der Verfassung dieses Textes!

Gehen wir es Schritt für Schritt an:

Phänomen Echokammer

Wir kennen das Phänomen Echokammer nun schon lange. Eigentlich ein zu sanfter Begriff für das, was es ist. Denn im Prinzip geht es um eine geschlossene Anstalt. Ein Raum, in dem ich mich sicher fühlen kann. Es muss nicht sein, dass hier immer meine eigene Meinung gespiegelt wird, es kann durchaus zu Disput kommen. Aber immer in einem bestimmten, gesetzten Rahmen. Wirklich anders Denkende befinden sich im Außen - die Blase bietet einen wohlig kuscheligen Raum des gerade noch Erträglichen. Grenzen werden kaum überschritten. Wenn doch, kann ein Kommentar ganz schnell gelöscht werden und der Eindringling kann wieder in den Tartaros geschleudert werden.

Politisches Ersatzhandeln

Aber das erklärt noch nicht, WELCHE Kommentare einen Sturm im Wasserglas auslösen und welche dazu nicht in der Lage sind. Wie geht das vor sich? Facebook und andere Social Media Kanäle stellen hier einen Ersatzraum für politisches Handeln dar: im Kleinen austoben. Was in der großen weiten Welt zu komplex wäre und wo wir an die Grenzen des Erträglichen und Verstehbaren stoßen (Stichwort Klimawandel, Migrationsbewegungen, Rechtsradikalismus), stellt sich hier als handhabbar dar. Über defekte Glühbirnen an einem Ringelspiel kann ich mir relativ schnell eine Meinung bilden und diese auch unmittelbar kundtun. Ich fühle mich dadurch zivilgesellschaftlich engagiert, habe meine bürgerliche Pflicht getan. Aber: habe ich das wirklich? Mehr dazu unten.

Welche Kommentare erregen also ein solches Aufsehen? Sie müssen ein mäßiges Potential zur Politisierung haben: nicht zu viel, um nicht in eine ideologische oder grundsätzliche Debatte abzurutschen, aber auch nicht zu wenig, um zumindest Streit und Disput ermöglichen zu können.

Wer beteiligt sich? Der Kampf um Anerkennung

Wie Axel Honneth in seinem wunderbaren Buch „Kampf um Anerkennung“ analysiert, soziale Interaktion entspinnt sich oft rund um das Bedürfnis nach Anerkennung. Ein solches Posting ermöglicht hier viele Arten der Identitätsstiftung. Die Beanstandende kann sich als aufmerksame Bürgerin generieren. Durch Bestätigung, aber durchaus auch durch Infragestellung wird sie als aktives Individuum wahrgenommen und anerkannt. Die Reagierenden generieren wieder andere Identitäten. Stärker intellektualisierte Anerkennungssuchende weisen auf die Nichtigkeit des Themas hin. Aber auch ihnen dient das Posting als Bestätigung ihres Außenseitertums. Dann lassen sich zwei Lager generieren, die sich konflikthaft gegenüber stehen: hat die Posterin Recht oder Unrecht? Das Match kann beginnen.

Zusätzlich gibt es die Voyeure - die expliziten und die impliziten. Die expliziten Voyeure machen sich als solche bemerkbar, indem sie Bilder von popcornessenden Promis posten um zu zeigen, wie sehr sie die Show genießen. Die anderen kommentieren gar nicht, lesen aber fleißig mit und bestätigen sich so heimlich. Ein buntes lustiges Identitätskarussell.

Schöne kleine Welt

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Die Welt ist uns zu groß geworden. Die unmittelbare, wenn auch nur scheinbare, Verfügbarkeit von allem und zu jeder Zeit überfordert uns. Die Blasenbildung ist ein Schutzmechanismus. Schlimm daran ist allerdings, dass sich die Welt weiter dreht, verändert, entwickelt und wir nur mehr das Gefühl haben, dass wir unsere unmittelbare Umgebung kommentieren und lenken können. Besonders evident wird das an der Beantwortung der ersten gestellten Frage: Warum konfrontiert die Beanstandende nicht den Betreiber mit ihrer Kritik? Weil das bereits ein hinaus greifen in die reale Welt wäre. Eine Berührung, die schon zu viel wäre. Reales politisches Handeln, vor dem wir uns fürchten. Gibt man einmal dem Realen und Politischen den kleinen Finger, könnte es einen mit Haut und Haaren fressen. Also lieber im Virtuellen zunächst, wie damals auf Freuds Couch, Probehandeln. Was wäre, wenn ich das Thema aufbringen würde? Alles verbleibt im Konjunktiv. 

Und doch manifestiert sich hier eine kleine Hoffnung: Vielleicht gibt es jemand anderen, der für mich real politisch handelt? Denn in der Kritik steckte auch eine Suggestivaufforderung: an wen könnte MAN sich wenden? Sprich: gibt es hier jemanden, der den Mut aufbringt für mich - wieder ersatzweise - politisch aktiv zu werden?

82 Kommentare!

82 Kommentare bedeutet, dass es durchaus ein Bedürfnis nach Aktionismus, nach politischer Teilhabe, Streitkultur und Diskussion gibt. Der Grundsatz des aristotelischen zoon politikon bleibt bestehen. Arendts Vita activa - der handelnde, tätige Mensch - nur eben nicht ganz.

Es geht hier nicht um dieses konkrete Posting. Und es geht schon gar nicht darum, jemanden schlecht zu machen. Denn was sich hier zeigt, ist zunächst, dass die Posterin ein Bedürfnis verspürt, sich zivilgesellschaftlich zu engagieren! Es geht aber um ein breiteres Phänomen, das uns alle betrifft und in den Blick genommen werden muss. Das Virtuelle ist dabei nicht das Böse, aber es ist anders. Es macht einen Unterschied, ob ich auf der Straße stehe und meinen Protest kundtue oder ich auf Facebook und Co mich in meiner Weltsicht unaufhörlich bestätigen lasse. Hier kommt es zu keinem realen Widerstand und es kommt zu keiner realen Begegnung mit Menschen. (Siehe hierzu Florian Klenks reale Begegnung mit Boris.)

Muss ich meine Kritik an ein lebendes Individuum richten, gibt es einen Verhaltenskodex. Ich kann Gestik und Mimik lesen, ich weiß, ob sich derjenige betroffen fühlt und werde dementsprechend reagieren. Virtuell gibt es kein Gegenüber. Ich sende ohne Rückkanal. Was zurück kommt ist kein Subjekt, sondern eine verdinglichte Aussage. Buchstaben, Text, Schrift ohne Anwesenheit des Lebendigen. Es macht auch etwas mit mir und dem Anderen - aber über Umwege. Das Ergebnis ist kälter, glatter, unberührter.

Die schöne kleine Blasenwelt ist so angenehm, so vermittelt und sicher, dass wir mittlerweile Angst vor dem Realen haben. Aber Vorsicht. Politische Entscheidungen sind trotzdem notwendig und sie werden ganz real getroffen. Und wenn sich wenige daran beteiligen, dann eben ohne uns. Vielleicht wäre es doch ratsam, einmal vor die Tür zu gehen, nicht nur zu beobachten und digital zu kommentieren, sondern ganz analog jemandem ins Gesicht zu sehen, in einen Dialog einzutreten und dann zu staunen, ob der Fülle dieser Art der Wirklichkeit.

Cornelia BruellKommentieren