Die Qual der Wahl - Philo Slam Text

Hier noch ein Nachtrag zum letzten PHILO SLAM - der Opferlammtext von mir. Dazu braucht es ein paar einleitende Worte: aufgrund der Wahlschlachten viel mir das texten dieses Mal schwer, daher bat ich meine Kinder um Worte, die sie in einem Gedicht hören möchten. Diese musste ich also in den Text einbauen. Sie sind jeweils groß geschrieben. Zudem musste es um Philosophie und die Wahl gehen. Als Zitate verwendete ich daher ausschließlich Sprüche, die auf den Wahlplakaten in Baden vorkamen. Auf Strache, Lunacek, Pilz, Kern, Strolz und Kurz reagieren Sokrates, Platon und Machiavelli. Hoffe, es gefällt Euch.

Stichworte:
Hausmaus
Frage
Pfurzer
Dummheiten
Lipgloss
Streiten
Beißen
Lachen
Alleinsein
Geisterbahn
Vampire
Zusammensein

Die Qual der Wahl 

Es trug sich zu, dass ich an einem nebeligen Vormittag das Haus verlassen
um mich mit ungewöhnlichen Dingen zu befassen
die so unvorhergesehen waren
dass ich schon fast meinen Verstand verlor.

Zunächst begab ich mich unbedarft und ohne Schrecken
auf den Weg zum Busse
noch konnte die wilde Natur des Wienerwalds den Eindruck
der völligen Friedfertigkeit erwecken
doch da hörte ich schon von weiter Ferne
ein Streiten ja fast unerträgliches Geplärre
eine Stimme tief, eine quietschend hoch
und an der Haltestelle angekommen
nun von mir in aller Deutlichkeit wahrgenommen
stand Strache, ja, er wars
und ich weiß, ihr werdet es kaum glauben
doch er stritt mit einer HAUSMAUS
wollte sie ihres Hauses auf dem Kopf berauben.
Er brüllte „Die Islamisierung gehört gestoppt!“
„Österreicher verdienen Fairness!"
die Umherstehenden schüttelten verstört den Kopf
hielten ihn für völlig bekloppt
hatte er doch augenscheinlich das zarte Haus der Maus
in seinem Kopf mit einer Burker vertauscht. 

Es näherte sich Sokrates mit krummem Rücken, aber erhobenem Haupt
wussten doch jetzt alle er ist in der Lage
er stellt jetzt die alles entscheidende FRAGE
"Was, oh Strache, meinst Du denn, dass Gerechtigkeit sei?
Gerechtigkeit ist, wenn jeder sein Eigenes hat und tut.
Und Du siehst so aus, als wärst Du nur in einem gut,
Worte verdrehen, Worthülsen schöpfen, 
und hinterrücks gerade jene schröpfen, die es am dringendsten brauchen.
Das ist maximal Sophisterei also verzieh Dich und lass der Maus ihr Haus.
Und aus.“

Strache zieht ab, die Wogen scheinen geglättet,
da biegt der Bus um die Kurve, ich denke schon der Tag sei gerettet
doch als erwartungsvoll die Tür sich öffnet
entfleucht in diesem Moment hinter mir der alten Dame ein
kurzer PFURZER
ich dadurch instantan irritiert, sie die sich gar nicht geniert
reißt auf einmal die Augen auf
ich dreh mich um, oh was für ein Graus
der Busfahrer entpuppt sich als ein Türkiser
er dreht sich zu uns, die Mütze dreht er dabei schiefer und sagt:
„Diesmal Kurz. Damit sich was bewegt.“
Ich dachte noch, was kann der Tag noch an DUMMHEITEN bereiten
da sieht er mir tatsächlich geradewegs in die Augen
seine Hand zu einer Pistole geformt wie in einem billigen Hollywood Reigen
„Es ist Zeit.“ 
Er meinte wohl den Abfahrtsplan, 
also füge ich mich und betrete das türkise Gefährt
und hoffe nur mehr, dass wir nun ohne weitere Zwischenfälle in die Stadt rein fahren.

Der Wagen setzt sich kaum in Bewegung, kurz vor dem Start
murmelt der Schuljunge am Steuer noch in seinen nicht vorhandenen Bart
„Jetzt oder nie!“
Da meldet sich ein Mann in der ersten Reihe
auch er eher grau, wie jener der sich mit Strache auseinandergesetzt
diesmal Aristoteles, sein Gesichtsausdruck ein Hauch von entsetzt
richtet sich an den unerfahrenen Lenker mit den Worten:
„mein Jüngling, was meinst Du was Not tut an einem Staatenlenker,
der Verrenker, den du hier notwendigerweise vollziehst
um das Lenkrad rumzureißen, 
sogar den eigenen Kollegen in die Wadeln zu BEISSEN,
nur um wieder einmal rechts zu überholen?
Weißt Du nicht, dass ein Staat muss besitzen
maßvolle Besonnenheit, Selbstbeherrschung und Gerechtigkeit. 
Und zur Muße, weißt Du, brauchst Du Philosophie,
doch das wird bei Dir offensichtlich nie
zum zentralen Betreiben
lieber sich mit dem Blau zu einer Melange verreiben.“

Da schrillt es von hinten nach vorn
sodass ich fast mein Gehör verlier
„Wir machen nicht blau. Das ist grün.“
Eine Dame eigenartiger Weise die Augen mit blau völlig beschmiert,
traut sich offensichtlich ungeniert,
den hochehrwürdigen Aristoteles zu unterbrechen
ich befürchte schon, jetzt geraten alle ins STREITEN
schlimmer kann es doch nicht mehr kommen
doch sie nun die Stange im Bus bis nach oben erklommen
ruft herunter: "Sei ein Mann, wähl eine Frau!"
Also da braucht Aristoteles nicht mehr, wenn das jetzt Platon wär - ok
Doch aus ersterem bricht es heraus:
Die Frau muss gebähren und damit aus. 

Den hinteren Reihen reicht es endgültig
ein aufgeregter Pinker meldet sich zu Wort
zappelt, hält es kaum aus an einem Ort:
„Tempo statt Taktik“ - 
offensichtlich zu seiner eigenen Kalmierung
zieht er einen LIPGLOSS aus der Tasche und
verpasst sich eine frische pinke Lackierung.
Da fängt er an an seinem Sitz zu zupfen, 
ja wir wissen alle, dass die ÖBB Bepolsterung mancherorts zu wünschen übrig lässt,
doch er übertreibt maßlos, 
hat er doch schon ganze Polsterfetzen in der Hand
er hockt nur mehr mit einer Gesäßhälfte am Rand
und artikuliert sich schon wieder echauffiert:
„Freiheit statt Filz“

In dem Moment kriecht jemand unter dem Sitz hervor
er ist klein, scheint ruhig, wendig, charmant:
„Wer ruft nach Pilz?“
Wieder hat er die meiste Zeit im Bus unter den Sitzen verbracht
ich kenn ihn schon
er findet dort immer etwas, das andere bis zum Erröten verlegen macht
doch dieses Mal scheint einer nicht begeistert zu sein
er selbst von schmaler Natur, Italiener,
versteht sich bestens alle Stücke zu spielen auf der politischen Klaviatur
Machiavelli also wendet sich an Pilz:
„Wissens, ich hab zwar im Fürst geschrieben, 
der Herrscher muss sein äußerst durchtrieben
eben ein Fuchs, wie sie, schlau und stark,
doch es gibt etwas das ich gar nicht mag,
und das ist, wenn sich einer ernährt wie ein VAMPIR
an den anderen saugt, umdreht jedes Papier
aber selbst nicht die Schneid zur Machtergreifung hat.
Eitel ist, bis zum Erbrechen
lieber geliebt werden will, als verhasst
dann hat er nämlich die Herrschaft tatsächlich endgültig verpasst."
Pilz bleibt stumm,
denn in Baden stehen ja keine Wahlplakate rum.

Ich denk schon, was für eine GEISTERBAHN
wann um Himmels Willen kommen wir endlich an.
Doch ich hatte es schon so im Gefühl
vom mittleren Gang her war es mir einfach zu still
da sitzt tatsächlich eine elegante Gestalt
im Anzug, knalleng, die Brust geschwollen, die Lippen geballt
sieht sich das Ganze mit süffisantem Grinsen an
Es scheint, als hätte er eine unsichtbare rote Brille auf
er nickt behäbig, seine Worte bauen sich langsam auf:
„Gemeinsam kommen wir weiter"
Kann das wirklich sein! Der beschwört in diesem Bus das ZUSAMMENSEIN!

Endlich da! Der Bus hält an!
Die Haltestelle in Sichtweite, ich schon nicht mehr so verzagt,
es öffnet sich die Tür, ihr werdet es nicht glauben,
da steht Strache wieder, grinst uns an und sagt:
Vordenker
- die gesamte Busgesellschaft bricht aus in schallendes LACHEN
und Lunacek stimmt ein: 
Für Solidarität - siehst dafür ist es nie zu spät.
Und ich kann endlich diese Gesellschaft verlassen
denk noch bei mir, was wenn doch Hobbes es am besten erfasst
wenn doch "Homo homini lupus est“ so sehr auf diese Gesellschaft passt
doch auf eines wenigstens kann ich mich freuen
auf das: ALLEINSEIN
nach der Wahl, 
denn vorher müssen wir alles tun um nicht bitter zu bereuen
nichts gesagt zu haben, angesichts all dieses Versagens.

Cornelia BruellComment