"Sich wandelnd ruht es aus" - Heraklit

Heraklit war davon überzeugt, dass alles eins und alles Bewegung und Wandlung ist. Kosmos (als die Ordnung) und Chaos bedingen und benötigen sich gegenseitig. Den Kampf zwischen ihnen, die Rationalität, der ihr Verhältnis zueinander folgt, nannte er Logos. Heraklit war überzeugt, dass sich das eine (wie zum Beispiel Kälte) irgendwann in das andere, sein Gegenteil, verwandeln würde (in Wärme). Wie wir diese Gegensätze wahrnehmen, ist abhängig von Kontext und Perspektive.

Ein einfaches Experiment dazu (besonders spannend für Kinder): Tauchen Sie eine Hand in eiskaltes Wasser und die andere in heißes. Nach ein paar Minuten wechseln sie mit beiden Händen gleichzeitig in lauwarmes Wasser. Die eine Hand wird das Wasser als kalt empfinden, die andere dasselbe Wasser als warm.

Einer der schönsten Sätze Heraklits aus den verbliebenen Fragmenten ist meiner Meinung nach: „Sich wandelnd ruht es aus. Müdigkeit ist, sich um dasselbe zu mühen und von demselben beherrscht zu werden.“ (DK 84, zu finden hier: http://12koerbe.de/pan/heraklit.htm#84.)

Sind wir also deshalb müde, weil wir uns zusehends immer demselben widmen? Wenn das Werden und der Wandel Sinn des Lebens ist, dann ist Stillstand und Wiederholung der Tod. So sah es Heraklit. Wenn wir uns dem Wandel widersetzen, widersetzen wir uns damit dem Leben. Erst die Akzeptanz der sich ständig verändernden Konstellationen macht einen gelassenen Blick möglich. 

Das, was wir versuchen festzuhalten, wird sich immer widersetzen. Nichts kann je dasselbe bleiben. Bewegen wir uns mit, können wir das Werden in Ruhe betrachten. Jeden Tag entscheiden wir uns neu, auf welche Weise wir dem Werden gegenüber treten. Wenn das Werden ein pendeln zwischen Gegensätzen ist, dann kann das eine nur in Bezug auf das andere erfahren werden. 

Nur wenn wir uns dem Fremden öffnen, können wir eine Vorstellung vom Eigenen haben. Das Ich ist nur denkbar im Sein zum Anderen.