Trump und die Philosophie - eine Reaktion auf die Süddeutsche

So. Christoph Behrens von der Süddeutschen Zeitung konstatiert am 22.1. also, dass die Denker (sic!) sich in der Krise befinden würden. Denn augenscheinlich melden sich keine Philosoph/innen zum Thema Trump, Populismus, Post-Faktischem zu Wort. Da muss ich leider feststellen, dass Herr Behrens nicht gut informiert zu sein scheint. 

Pop-Philosoph/innen gibt es nämlich genug. Und das meine ich durchaus nicht negativ. Ob Populismus, das post-faktische Zeitalter (urspr. post-truth politics) oder Migration, es wird rauf und runter diskutiert: in Feuilletons, Radiosendungen (wie dem philosophischen Radio von WDR 5) oder in Fernsehproduktionen (Sternstunde Philosophie). Aber nicht nur das, lieber Herr Behrens. Vielmehr wird es Zeit, sich von einem Medien- und Kommunikationsbild zu verabschieden, das auf Quotenbringer und Mainstream fokussiert. Es bietet sich vielmehr eine Landschaft des verstreuten, punktuellen und sub-kulturellen Diskurses. Die Palette des philosophischen Debattieren wird nämlich breiter: Philo-Slam und philosophischer Salon (siehe mein Angebot), philosophische Cafés (weltweit), Philosophieren an Schulen und mit Kindern außerhalb von Schulen - es bieten sich genug Gelegenheiten philosophisch zu reflektieren, man muss nur hinsehen. Daher ist auch diese Feststellung völlig verfehlt: "Eine philosophische Praxis, wie sie Sokrates einst verstanden habe, also auf dem Marktplatz rumzuhängen und Leute zum Denken anzustacheln, sei nicht mehr existent." (Mich wundert wenig, dass die zitierten Herren aus Texas noch nichts von der Praxis des Sokratischen Dialogs gehört haben.)

Und dann gibt es noch etwas zu bedenken: Wenn Philosoph/innen nicht in der ersten Sekunde eines politischen Ereignisses die Facebook und Twitter Seiten stürmen, sondern erst mal beobachten und denken, bevor sie sprechen, dann ist das genau die richtige philosophische Haltung. Reflexion braucht Zeit und eine ausreichende Menge an Zeichen.

So werde ich zum Beispiel seit Tagen einerseits von der Euphorie einer weltweiten Solidarisierung (von Frauen, über Transgender Menschen bis hin zu Migrant/innen und Geflüchteten) gegen Donald Trump und die Verrohung der Gesellschaft mitgerissen, andererseits sagt mein philosophischer Blick, dass hier Vorsicht geboten ist. So sehr wir uns inhaltlich mit diesen Protesten identifizieren können, und wie Spivak sagt, ist von Zeit zu Zeit in der Politik ein "strategischer Essentialismus" notwendig, müssen wir doch auch in der Lage sein, aus einer gewissen Distanz wahrzunehmen, dass es sich hier um gut bekannte identifikatorische Mechanismen handelt: das Andere, hier Trump, wird in entdifferenzierter Form, eindimensional, unspezifisch und diffus, zum Außen, das eine heterogene Gruppe nach Innen eint. Scheint für den Moment schön zu sein, aber: vergessen wir nicht, dass es auch immer anders kommen könnte. Hätte ein Bernie Sanders als Präsident dafür gesorgt, dass sich rechts-populistische und rechts-radikale Kräfte der Welt zusammenschließen und die Straße einnehmen?

"Die Wahrheit selbst steht im digitalen Zeitalter zur Disposition." steht da im Artikel der Süddeutschen. Mein lieber Herr Behrens, DIE Wahrheit hat es nie gegeben, noch wird es sie je geben. Ich empfehle dringend den Besuch eines philosophischen Salons. Das "gesicherte Wissen" wäre eine Kernkompetenz der Philosophie? Oje. Ich bitte um einen Blick in die Philosophiegeschichte. Das ungesicherte Wissen ist, was die Philosophie vorantreibt. Philosophie ist Bewegung, ist Frage, ist Kritik und Skepsis. Vielleicht wird Herr Behrens deshalb nicht fündig, weil er an der falschen Stelle sucht?

Ich behaupte stattdessen, wir befinden uns wieder im Zeitalter der Philosophie - nämlich der praktischen Philosophie, der lebensnahen und der gesellschaftskritischen. Also keine Sorge: hinsehen, hingehen und engagiert diskutieren. 

Und hier noch ein paar philosophische Stimmen zur Lage zum Nachlesen:
Precht über Trump
Butler über Trump
Precht über die Verantwortung der Medien
Badiou über Trump
Zizek über Trump und Brexit
Einiges dazu im philosophischen Radio...