Zum Welttag der Philosophie

Liebe Freunde der Philosophie! 

Heute ist der Welttag der Philosophie. Ein Grund zum Feiern. Warum? Weil er uns bewusst macht, dass es in Ordnung ist, existentielle Fragen zu stellen. Fragen nach dem gelingenden Leben, nach der gelingenden Gemeinschaft, nach Zukunft und Vision. Genau hier kann die Philosophie auf eine Jahrtausende alte Tradition zurück greifen.

Heute wird leider oft so getan, als ob wir uns aufgrund ökonomischer und pragmatischer Imperative solche Fragen nicht mehr leisten könnten. Man muss sich fast verschämt in die Ecke stellen, wenn Fragen, Zweifel und Kritik zu grundsätzlich werden, zu tief. Die Pragmatiker/innen haben die Macht übernommen. Die Opportunist/innen haben das Denken okkupiert. Die Populisten besetzen die Ämter.

Aber: es gibt sie, all die Menschen, die wieder „große" Fragen stellen wollen. Es sind die kantischen Fragen, die wieder auf den Plan treten: 

WAS KANN ICH WISSEN? Was kann ich wissen, angesichts des postfaktischen Zeitalters, das von einem Donald Trump der den Klimawandel leugnet und Medien, die die NLP Ausbildung eines Norbert Hofer in den Mittelpunkt ihrer Recherche stellen. 

WAS SOLL ICH TUN? Angesichts einer neoliberalen Logik, die unseren Handlungsspielraum aufs engste begrenzt. Angesichts der Konfrontation mit Migrationsbewegungen und einer sich immer weiter öffnenden Schere zwischen Arm und Reich.

WAS DARF ICH HOFFEN? Angesichts einer Rückkehr der Religionen und die damit einhergehende Spaltung in der Gesellschaft. Angesichts der Visionslosigkeit einer rein pragmatischen Politik.

Und nicht zuletzt: WAS IST DER MENSCH? Angesichts einer stetig fortschreitenden Verschmelzung von Mensch und Maschine, dem Transhumanismus und der Auslagerung menschlicher Fähigkeiten in die Technik. Aber auch angesichts von zerfallender Solidarität und Mitmenschlichkeit.

Vor einigen Jahrzehnten haben wir die Metanarrative für tot erklärt und die Postmoderne ausgerufen. Wir haben Differenz und Zerstreuung gefeiert als einen Beitrag zu Toleranz und Freiheit. Dies war wichtig. Aber haben wir vielleicht vergessen, dass das Konkrete und das Partikulare immer nur in Abgrenzung zum Abstrakten und Universellen erkannt werden kann? Haben wir zu früh verzichtet auf das Ganze, die Vision, die Utopie? 

Es geht nicht darum Antworten auf diese Fragen zu haben. Antworten können immer nur im Konkreten liegen. Aufgabe der Philosophie ist es aber, herauszufinden, warum die Fragen von Relevanz sind. Welche Bedeutung ihnen zukommt. Was sie über den Menschen aussagen.

Menschen wollen verstanden werden in ihren Fragen. Wenn es dem kritischen Denken nicht gelingt, einen solchen Resonanzraum zur Verfügung zu stellen, dann werden die fertigen, einfachen und monokausalen Antworten von Populisten gegeben werden.

Es gibt ein Bedürfnis nach Anerkennung, nach Gespräch, nach Resonanz. Die philosophische Praxis muss und kann hierzu einen Beitrag leisten. Nicht zuletzt um Menschen in der Wiedergewinnung von Autonomie und Verantwortungsbewusstsein zu unterstützen. Es ist Zeit, die Philosophie als Lebensform zu etablieren, wie Hadot es nennt.

Wir feiern also heute mutig und ganz bewusst die Rückkehr der Philosophie in die Mitte der Gesellschaft. Damit wir wieder WISSEN, HANDELN und HOFFEN können, denn das ist es, was den Menschen ausmacht.