Aufruf zum Denken! - Und warum wir die Wahl haben

Wer will noch denken? Wem ist es die Mühe wert, sich auf die Spur des Verstehens und des Bewusstseins zu machen? Wer will mit komplexen Inhalten konfrontiert werden, sich dem Verstehen und der Interpretation widmen? Vieles scheint zu mühevoll. Alles soll schnell und leicht verdaubar sein: Unterhaltungsindustrie, Journalismus, Politik, Social Media etc.

Aber was, wenn wir davon ausgehen, dass es dem Menschen ein Bedürfnis ist, seinen Geist zu nutzen und zu weiten? Was, wenn der Geist wie eine Pflanze ist, die wachsen muss und dafür Nahrung braucht? Was passiert, wenn wir diesem Bedürfnis nicht nachgehen? Werden wir depressiv, leer, kalt, anfällig für fertige Kost?

Was, wenn wir uns den Geist nicht individuell und nicht als ein abgeschlossenes System vorstellen, sondern ihn relational denken - auf Beziehungen angewiesen: ein Netzwerk an Phänomenen und Reflexionen. Dann wird alles, was uns begegnet, Bilder, Menschen, Eindrücke, Ereignisse von uns wie Bauteile oder Maschen aneinander gereiht, verbunden - wird überhaupt erst durch uns, das, was es für uns ist. Dadurch entsteht nicht nur ein Mehr, sondern etwas Neues - unser Selbst, unsere Welt. Denn jedes dazu kommende Element und unser Werk, das wir daraus bauen, verändert auch die arrangierten Elemente. 
Unser Geist ist hierfür gemacht. Wir fühlen uns verloren, kalt und einsam, wenn wir aufhören zu kombinieren, zu bauen und damit zu bewegen. Kinder leben dieses Bedürfnis. Stagnation empfinden wir alle als Last. 

Was, wenn wir dazu in der Lage wären, diese Perspektive nicht nur wahrzunehmen oder zu denken, sondern zu leben, besonders, wenn wir dem anderen oder Fremden begegnen? Dann gäbe es weniger Ängste. Denn umso diverser ein Element ist, das wir hinzufügen können, desto größer auch der Spielraum für die Entstehung von Neuem und der Raum für Selbsterkenntnis.
Hingegen sind wir meist mit einem gegensätzlichen Weltbild konfrontiert: wir glauben, wirbesäßen etwas, das uns weggenommen werden kann. Als ob wir über Objekte verfügen würden, einschließlich unserem Wissen, das so wie es ist, transportiert werden könne. Doch nichts bleibt dasselbe, wird es einmal bewegt. Alles was entsteht ist ein Dazwischen - ist Ergebnis einer Beziehung, eines Verhältnisses, einer Relation. Wir sind auf diese Netzwerke angewiesen. Wenn wir nun versuchen, diese Verbindungen und Verhältnisse zu reduzieren, gar zu vernichten - und dies betrifft nicht nur menschliche Beziehungen, sondern sowohl Phänomene als auch Wissen - verarmen wir. Wir werden leblos und vergessen, dass wir zentraler Bestandteil eines Netzwerkes sind. Daher: wie wir uns entscheiden, zählt!

Étienne de La Boëtie hat über die Wahl derer, die uns regieren, in „Von der freiwilligen Knechtschaft des Menschen“ (ca. 1550) folgendes geschrieben:
"Noch dazu steht es so, daß man diesen einzigen Tyrannen nicht zu bekämpfen braucht; man braucht sich nicht gegen ihn zur Wehr zu setzen; er schlägt sich selbst. Das Volk darf nur nicht in die Knechtschaft willigen; man braucht ihm nichts zu nehmen, man darf ihm nur nichts geben; es tut nicht not, daß das Volk sich damit quäle, etwas für sich zu tun; es darf sich nur nicht damit quälen, etwas gegen sich zu tun. Die Völker lassen sich also selber hunzen und schuriegeln, oder vielmehr, sie lassen es nicht, sie tun es, denn wenn sie aufhörten, Knechtsdienste zu leisten, wären sie frei und ledig; das Volk gibt sich selbst in den Dienst und schneidet sich selber die Gurgel ab; es hat die Wahl, untertan oder frei zu sein und läßt seine Freiheit und nimmt das Joch; es fügt sich in sein Elend und jagt ihm gar nach.“ (Hier geht es zum ganzen Text) http://gutenberg.spiegel.de/buch/von-der-freiwilligen-knechtschaft-des-menschen-5225/1

Was, wenn wir diese Wahl haben? Wir fühlen uns einsam, machtlos, hilflos, verloren und doch sind wir es, die selbst entscheiden. Wir sind in der Lage zu denken, zu zweifeln, zu verbinden und zu erschaffen. Wir sind in der Lage unser Weltbild zu hinterfragen, unsere Perspektive zu verändern. Es braucht Mut und Wille. Beides macht den Menschen aus, sowie die Lust zur Komplexität - und niemand soll uns etwas anderes erzählen!
 

Dr. Cornelia BruellComment