"Grenzen setzen" oder Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen...

Wir wissen, dass wir längst in entgrenzten Räumen leben. Wir wissen, dass aufgrund der Globalisierung längst nur mehr von Hybridität (Homi K. Bhabha) zu reden ist. Trotzdem tun wir so, vor allem in den tausenden von Meinungsäußerungen in den sozialen Medien, als ob es noch Einheiten gäbe. Wir argumentieren, als ob es „DIE Werte im Islam“ gäbe, „DIE Werte im christlich geprägten Europa“, „DIE muslimischen Frauen“, „DIE westlichen weißen Männer“ etc. Manche glauben immer noch, dass sie von außen die anderen in ihrer Kultur erziehen können, obwohl es dieses Außen und auch das Innen längst nicht mehr gibt. Das ist es, was die Unruhe erzeugt. 

Wenn es kein Innen und Außen mehr gibt, wenn es die Grenze nicht gibt, dann gibt es auch keine Repräsentation. Niemand kann mehr den anderen repräsentieren, weil wir nicht mehr wissen können, wann und für wen wir sprechen sollen. Damit tritt das Schweigen ein - die Komplexität, die Hybridität nimmt dermaßen zu, dass es keine Stimme mehr gibt. 

Aber es kommt noch schlimmer: Der Effekt, den dieses Phänomen erzeugt, sieht so aus, dass wir bewusst (manche auch unbewusst) über diese Tatsache hinweg sehen und im „als ob“ sprechen. Die Tatsache der Komplexität kippt in ihr Gegenteil - in die völlige Banalität. Nicht mehr nachdenken über Differenzierungen - lieber schnell, da ja immer verfügbar und an jeder Stelle möglich, etwas in den imaginären Raum der totalen Öffentlichkeit rülpsen. Auch hier leben wir im „als ob“. Auch hier tun wir so, als ob das Gesagte jederzeit und von jedem gehört werden würde. Auch hier tun wir so, als ob dieser Raum ein einheitlicher, geschlossener wäre. Wer hat nicht das Bild vor Augen, dass alles was auf der eigenen Facebook Seite erscheint, auch von allen anderen zum selben Zeitpunkt gelesen wird? 

Wir leben in Zeiten der imaginären Totalität. Wir sind nicht nur „nie modern gewesen“ (Labour), wir sind vor allem „nie postmodern gewesen“. Die Postmoderne ist längst tot gesagt und dennoch war noch niemand in der Lage den entgrenzten Raum, die hybride Kultur, die Verschiebung, die Dislokation, die Fragmentiertheit bewusst zu leben. Die Theorie beschreibt zwar die lebensweltlichen Umstände, sie beschreibt konkret die Struktur in der wir Leben, aber das situative und alltägliche Denken, sowie auch das konkrete Gefühl, kommen nicht hinterher. Wir kommen nie an.

Umso schlimmer, dass wir in der Zeit des Verlusts von Grenze und Einheit, hilflos und mit hohem Risiko verbunden, versuchen, neue künstliche Grenzen zu erschaffen. Grenzen in der Mitte der Gesellschaft. Grenzen, die keine Schwelle, kein Übergang mehr sind und keine Möglichkeit in sich tragen, hinüber zu gehen, die Hand auszustrecken. Wir beginnen im Inneren das radikale Außen zu konstruieren, jenes, das sich uns völlig entzieht, das im Dunkeln liegt - ausgeschlossen, ausgelöscht. Der Andere wird dann unzugänglich, er verschwindet, wie auch Byung-Chul Han konstatiert. Mit allen Konsequenzen: dem Verlust der erotischen Beziehung, dem Verlust des respektvollen Gegenübertreten, dem Verlust des Begehrens nach dem Unbekannten. 

Es gibt aber, wie so oft, einen Gewinner: der neoliberale Kapitalismus. Denn die Grenze, die im Inneren erzeugt wird, richtet sich endlich wieder (oder wieder offen, explizit) auf die Klassen. Sie wird errichtet zwischen Bildungsbürger_innen und den Ungebildeten, zwischen Ober- und Unterschicht, zwischen Reich und Arm. Aufgrund der Hybridität der Kulturen werden Unterscheidungsmerkmale herangezogen, die längst vergessen geglaubt: die Religion und das Geld - und diese treten in eine desaströse Symbiose ein. Die gebildeten, zumindest ehemals, im eigenen Land reichen und an die christlichen Werte angepassten Asylwerber_innen sind die guten. Es ist schon angenehm das „als ob“ - es macht die Welt so schön einfach: die Guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen (dann ausspucken und liegen lassen.)

Dr. Cornelia BruellComment