Slam zum Thema "Ver.ant.wort.ung"

Veni - vidi - vici! Hier nun der Text zum Poetry Slam gestern Abend im Philogreissler. Tolle Veranstaltung! Danke meinem Fanclub! Unten findet Ihr auch das Video - inklusive zweier kleiner Versprecher....

Levinas oder da war doch noch ein zweites Glas

Cornelia Bruell

Levinas oder da war doch noch ein zweites Glas

VERdammt, wir werden überrannt
die Erde wird wieder durch Bomben verbrannt
überall scheint das Andere zu bedrohen
wir hören nur mehr den Spott und den Hohn
der ewig gestrigen, dieser Fraktion
die ohne zu denken sich nicht scheut
die menschlichen Katastrophen unserer Zeit
für sich zu vereinnahmen
stets bereit
loszuziehen in einen Krieg
von dem sie selbst keine Ahnung haben
aber Hauptsache es ist ein Sieg
über die verhassten Utopisten und Visionäre
die Träumer und Denker
und all die Legionäre
die noch glaubten an eine bessere Welt
ohne Hass und Neid zueinander gesellt

Aber Achtung es gibt da eine Philosophie
die uns sagt, es ist eben nie
nur der Einzelne der zählt
der in der Lage wäre zu existieren
ohne schon die Verantwortung für den Andern zu verspüren.

Genau das ist es, wovon ich werde erzählen
doch zunächst noch zum Jetzt
damit wir uns besser verstehen.

ANTagonismus, ist es
der uns heute prägt,
der so viele verführt,
Angst, wenn vom Andern berührt

Doch warum fällt so schwer
zu sehen, zu verstehen,
dass wir selbst, längst der Andere sind,
und sich all unser Sein
dieser Beziehung entspinnt

„Ich ist ein Anderer“
Schon bevor geboren,
wären wir ohne den Anderen verloren,
völlig hilflose Wesen,
können wir nur an der Brust des Anderen genesen

Wir würden uns nicht einmal erkennen,
könnte der Andere uns nicht benennen.
Wäre da nicht der Spiegel des Seins,
der verleiht den imaginären Schein
einer Identität, einer Realität,
die angewiesen ist auf ein Du,
nicht nur am Anfang
sondern immerzu.

WORtlos ist der Andere schon immer da,
und es ist Levinas, dem es klar war, 
lange bevor bekannt wer spricht
ist der Andere Anfang allen Lichts.

Das Sprechen selbst ist wichtiger als das Wort.
Es reißt das Gesagte mit sich fort.
Es ist die uneinholbare Bewegung
Ein Geben ohne Entgegnung
Eine Güte wider Willen
an-archisch, manchmal sogar im Stillen.

„Wunder des Ethischen, älter als das Licht“ (107)
Es ist VOR allem Sein,
dass das Gute zu uns spricht.
Noch bevor etwas gesagt,
werden wir schon befragt,
gerufen, zu helfen,
zu assistieren, 
uns im Anderen zu verlieren.

Genau das ist es, was Levinas uns sagt,
wenn er das Sein nach dem Jenseits befragt.

Und irgendwie hat er doch Recht,
geht es in Wahrheit uns nicht schlecht
wenn wir immer nur von uns aus Denken
uns gegenseitig Bücher schenken
wie wir ohne ein Gebrechen
frönen können dem Glücksversprechen
bis wir schließlich sitzen allein
in einem Beisl bei einem Glas Wein
und uns langsam dämmert: da war doch was
da stand doch noch ein zweites Glas.

VerpflichtUNG des Selben auf den Anderen
Betroffen sein, vor jeder Identität
Es ist die Menschlichkeit, die auf dem Spiel steht
das, was der Sprache immer schon vorausgeht
ist die Sinnlichkeit vor jeder Intentionalität.

Natürlich ja, 
es schmerzt, es tut weh,
wenn ich dem Anderen gegenüber steh
mit dem Gefühl der Notwendigkeit, der Unausweichlichkeit
immer bereit
mich für ihn zu opfern
an seiner Stelle zu stehen
ohne die Möglichkeit
ihn ganz zu verstehen.

Doch gleichzeitig ist es eine Befreiung
der Versuch, im Anderen zu sein ohne Entzweiung
Ganz im Anderen aufzugehen
zu versuchen ihn allein zu verstehen
ohne Verhältnis, ohne Relation
ohne die Frage
was will der von mir schon
wie ist sein Bild von mir
was spiegelt sich in dir?

Endlich das Dazwischen aufzugeben
ganz da sein, rein im Anderen erleben
welche Welt sich dort befindet
bevor dieser Moment wieder entschwindet
Sich auflöst in die zerstörerische Individualität
die vom Rückzug ins Private geprägt
vom Geschrei nach Zäunen und Mauern
und dem individuellen Bedauern
dass wir ach so machtlos wären
einzig getrieben vom Konsumbegehren

Und uns eben diese Philosophie vergessen lässt
die so wunderbar begann
mit der Verantwortung für den Rest
dieser Welt
mit einem Denken vom Anderen her
und wenn ihr es versucht, 
es fällt gar nicht so schwer
das Ethische schon vor dem Sein zu platzieren
und in Zukunft wieder Hand in Hand zu agieren.

Dr. Cornelia BruellComment