Nietzsche, das Leid und die Zäune

Notstand in Österreich? Wirklich wahr? Brauchen wir Zäune? Nietzsche hat das Spiel mit dem Leid und dem Geschrei der Notstände vortrefflich beschrieben - 1882: 

„Denke ich an die Begierde, Etwas zu thun, wie sie die Millionen junger Europäer fortwährend kitzelt und stachelt, welche alle die Langeweile und sich selber nicht ertragen können, - so begreife ich, dass in ihnen eine Begierde, Etwas zu leiden, sein muss, um aus ihrem Leiden einen Probanden Grund zum Thun, zur That herzunehmen. Noth ist nöthig!  Daher das Geschrei der Politiker, daher die vielen falschen, erdichteten übertriebenen „Nothstände“ aller möglichen Classen und die blinde Bereitwilligkeit, an sie zu glauben. Diese junge Welt verlangt, von Aussen her solle - nicht etwa das Glück - sondern das Unglück kommen oder sichtbar werden; und ihre Phantasie ist schon voraus geschäftig, ein Ungeheuer daraus zu formen, damit sie nachher mit einem Ungeheuer kämpfen können. […] Sie verstehen mit sich Nichts anzufangen - und so malen sie das Unglück Anderer an die Wand: sie haben immer Andere nöthig! Und immer wieder andere Andere!" (Nietzsche, Die Fröhliche Wissenschaft, §56)

Wie ist das mit dem Leid in unserer Gesellschaft? Leiden und Lebensverzweiflung werden üblicherweise wie Krankheiten behandelt - sie wirken ansteckend. Sie breiten sich aus. Die einzige legitime Lebensverzweiflung findet sich im Narrativ der sich zerfleischenden Künstlernatur. Dort kann das Leid ebenso genossen werden wie in der fernen Distanz, denn hier wird es nur im übertragenen Sinne konsumiert, über das Lesen oder die Betrachtung. Ob das Leid oder das Erhabene, beide funktionieren ausschließlich über die Distanz.

Die Werke des Leidens können jederzeit dem Verstauben anheim fallen. Sie können weg gesperrt oder archiviert werden. Literatur und Kunst als archiviertes Leiden. Mit dieser Übertragung kann die eigene Lebensverzweiflung exterritorialisiert werden - sie wird zum Kulturgut. Natürlich hat sich diese Externalisierung gewandelt in ihrer Medialität. Partizipatives und übertragenes Leid wird nun durch Facebook Proteste und geposteten Widerstand archiviert. Damit hat sich nur die Flüchtigkeit erhöht, aber die Sache hat sich im Kern nicht verändert. Nun müssen keine Wälzer mehr gelesen werden, um am kulturellen Unbehagen teilzuhaben und das eigene damit zu translozieren. Heute genügt ein Klick auf den „Like“-Button. Die zahlreichen Ratgeber zum Selbstmanagement, die mittlerweile den Buchmarkt dominieren, sowie auch der Hype der Biografie, haben es erkannt: die Negativität auf Distanz halten und dennoch ein bisschen daran mit naschen, das ist das Mittel zu Glück und Wohlbefinden.

Aber ach, da steht das Leid nun direkt vor der Tür und schon müssen Zäune hochgezogen werden. Dieses Leid erinnert uns zu sehr an unsere eigene Vergänglich- und Verletzlichkeit. Es zerstört unsere Blase und erinnert uns ans Menschliche, Allzumenschliche. Die Alternative kann nur sein, die Gefahr des uns zu Leibe rückenden Leides aufzublasen, zu verteufeln, zum Dämon zu machen. Das Leid wieder auf Distanz setzen. Das da draußen ist das Böse, das zu uns herein will, hier wo doch immer schon alles gut war. 

Es herrscht genug Not auf dieser Welt. Sie wird uns nicht durch Andere gebracht. Wir sollten weniger darüber nachdenken, was wir aussperren können, als viel mehr welchen Dämon wir mit uns einsperren würden, sollten wir  Zäune errichten. 

Dr. Cornelia BruellComment